Posts mit dem Label Famulatur werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Famulatur werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 20. März 2012

Famulatur-Organisation: Schottland (Edinburgh)

Dieser Eintrag war eigentlich schon länger geplant, aber irgendwie bin ich nie so recht dazu gekommen...

Grundsätzlich kann ich nur empfehlen bei Auslandsaufenthalten früh genug mit der Organisation anzufangen. Ein halbes Jahr ist machbar, aber kann bei einer aufwändigen Bewerbung knapp sein, deswegen hab ich immer versucht möglichst früh mit der Bewerbung dran zu sein. Im Falle von Edinburgh habe ich mich im September 2009 beworben. Da hatte ich Semesterferien und einfach Zeit dafür.
Ich bin über eine gute Freundin auf die Idee mit Edinburgh gekommen (Gruß an Anett!). Die war im August 2009 in der Anästhesie als Famulantin und sehr begeistert. 
In Edinburgh sind nur 4 Wochen Famulatur möglich. Das hat mir zunächst Sorgen bereitet (wir brauchen ja 30 Tage und 4 Wochen sind nur 28...), aber als ich das der Zuständigen erklärt habe, war es kein Problem, dass ich 2 Tage länger bleibe. Zudem muss man zum Zeitpunkt der Famulatur im „letzten oder vorletzten Jahr“ der Medizinischen Ausbildung sein.
Fächer in denen man in Edinburgh famulieren kann sind: Accident&Emergency, Anästhesie (da war Anett), Kardiologie, Viszeralchirurgie, Endokrinologie, Rechtsmedizin, Gastroenterologie, Hämatoonkologie, Infektiologie, Intensivstation (da war ich), Allgemeinmedizin, Geriatrie, Neurochirurgie, Onkologie, Augenheilkunde, Orthopädie (da war Lydia), Pädiatrie, Pathologie, Physikalische Medizin, Nephrologie, Rheumatologie und Transplantationschirurgie.
Wie ihr seht, die Auswahl ist groß. Genauso groß ist allerdings auch die Nachfrage. Ich habe im 2009 zunächst an das Sekretariat geschrieben und gefragt, ob es noch freie Plätze für A&E, Anästhesie, Intensivmedizin, Transplantationschirurgie oder Neurologie in den Frühjahrssemesterferien (Mitte Februar bis Mitte April) gibt. Es hätte noch einen Platz für 3 Wochen Neuro gegeben. Mitte August sah es deutlich besser aus mit verfügbaren Plätzen, aber den Platz hat man erst nach dem Einreichen der Bewerbungsunterlagen und einer Zusage sicher. 
Das heißt, man sollte auch versuchen die Unterlagen relativ schnell zu sammeln.
Man braucht für die initiale Bewerbung:
  • ausgefülltes Bewerbungsformular: bekommt man unter http://www.ed.ac.uk/polopoly_fs/1.8571!/fileManager/medicalelectivesapplicationpack.pdf Adresse, allgemeine Angaben zur Uni, 3 Fächer in denen man gern famulieren möchte (wenn‘s mit der ersten Wahl nicht klappt, dann ja vielleicht mit der zweiten oder dritten) und ein „Assessment“ vom Dekan oder einem Mitglied der Fakultät. Der Gutachter soll über den Charakter, die klinischen und akademischen Fähigkeiten, sowie die Englischkenntnisse schreiben. Ich habe dafür meinen Mentor gefragt, andere den Betreuer der Doktorarbeit oder ähnliches. Man muss auch Angaben machen wo der Gutachter zu erreichen ist (inkl. Telefon und Mail). Optimalerweise sollte die Person euch also tatsächlich wenigstens ein bisschen kennen.
  • Transcript of records: Auflistung aller Noten, die man in der Klinik bis zum Bewerbungsdatum bekommen hat in Englisch (an der LMU reicht dafür eine Mail ans Dekanat)
  • Empfehlungsschreiben vom Dekan der Universität in English (da gibt es an der LMU einen Vordruck auf MeCuM, den man auf sich selbst anpassen und ans Dekanat mailen muss. Dauert meistens ein paar Tage bis man das bekommt)
  • Zahlungsbeleg der Administration Fee von 100 Pfund: in den Unterlagen steht per Scheck. Auf Nachfrage per E-Mail bekommt man aber die Überweisungsdaten.
  • 3 Passfotos
Wenn man dann einen Platz angeboten bekommt, geht es weiter mit der Bürokratie. Nachdem man die Annahme des Platzes schriftlich bestätigt hat (Brief oder E-Mail) sind folgende Unterlagen noch nachzureichen:
  • Nachweis des Impfstatus: mein Lieblingsformular... Die wollen Nachweise der Impfung für Diphertie, Tetanus, Polio, Varizellen, Masern, Röteln und Mumps. Dafür reicht aber nicht einfach der Impfpass, nein, man muss das von einem Arzt inklusive Impftiter bestätigen lassen. Ich war für die Titerbestimmung beim Betriebsarzt. Außerdem hätten die noch gern einen Test auf Hepatitis B, Hepatitis C und HIV, sowie einen Tuberkulintest. Auch das habe ich beim Betriebsarzt machen lassen. Das Formular (siehe Bewerbungsunterlagen) muss ausgefüllt und abgestempelt (Arzt und Universität (hab mir nen Stempel im Dekanat geholt. Das war kein Problem)) sein UND man muss die Ergebnisse in Kopie mitschicken.
  • „Criminal Record Check“: einen Strafregisterauszug. Den bekommt man indem man zum Kreisverwaltungsreferat geht und ihn dort gegen Gebühr (13€) anfordert. Bis man das zugeschickt bekommt, dauert es etwa 3 Wochen. Der Auszug ist in Deutsch und ich hatte keine Lust auch noch Geld für einen Übersetzung auszugeben. Deshalb hab ich den Zettel einfach so mitgeschickt und es war in Ordnung. Keine Übersetzung war nötig.
  • Nachweis über Englischkenntnisse: IELTS, TOEFL, CAE, CPE, Abschluss einer englischsprachigen Universität/Schule. Ich hatte das CPE bereits, das war für mich also kein Problem. Das DAAD-Sprachzeugnis wird NICHT akzeptiert. Und für alle Sprachtests und Nachweise gibt es genaue Anforderungen an die Noten. Wer diese nicht erreicht, darf die Famulatur nicht antreten. Die sind diesbezüglich sehr strikt! Ich muss aber auch sagen, dass man sich mit mittelmäßigen Englischkenntnissen bei einer Famulatur echt keinen Gefallen tut.
  • Nachweis über eine Berufshaftpflichversicherung: muss auch im Ausland gültig sein. Hier muss die Bescheinigung in Englisch sein. Wer keine hat: wenn man beim Marburger Bund Mitglied ist/wird, kann man sich kostenlos versichern lassen.
Einige Dinge die man noch beachten sollte:

  • Anreise muss selbst organisiert werden
  • Unterkunft wird nicht gestellt, die muss man privat ebenfalls organisieren
  • Wenn man absagt, dann verliert man auf jeden Fall die application fee von 100 Pfund
  • Verschieben von Famulaturdaten oder Ändern des Fachs ist nicht möglich
  
Ihr seht, die Bewerbung ist aufwändig... Aber auch fast eineinhalb Jahre nach der Famulatur kann ich nur sagen, dass sich der Aufwand gelohnt hat. Ich hatte ne spannende, lehrreiche Zeit auf der ICU und Edinburgh ist ne tolle Stadt (besonders im Sommer!). Wenn noch Fragen offen sind, dann bitte gern in den Kommentaren posten!
Und wer bis hier durchgehalten hat, darf sich einen Keks nehmen!


Isn't it pretty? 

Sonntag, 17. April 2011

13.04.2011 – 17.04.2011: CBTP 2

Nach nur vier Tagen ist die Zeit in den Dörfern schon vorbei. Sehr schade, weil es wirklich interessante Tage waren und wir eigentlich alle geglaubt hatten, dass diese Phase des CBTP länger dauern würde. Stattdessen sind zwei Wochen für die Datenauswertung eingeplant.
Jeden Morgen wurden wir von einem Bus in unsere Kebele gebracht, dabei auch Essen und Getränke für alle.
Fragebögen wurden verteilt und danach sind wir alle ausgeschwärmt. Ich musste mich selbstverständlich an jemanden dran hängen, weil meine paar Wörter Amharisch niemals für diesen monströsen, 9seitigen Fragebogen reichen würden.
Der weitere Ablauf erinnert etwas an ein Dasein als Vertreter. Man klopft an jede Tür und fragt nach Frauen in der passenden Altersgruppe.
Wir wurden von allen sehr freundlich begrüßt und uns wurde immer eine Sitzgelegenheit angeboten. Die Frauen haben auch immer geduldigst unsere 1000 Fragen beantwortet und das obwohl wir sie allzu oft von ihrer Arbeit abgehalten haben.
Bei der Beantwortung der Fragebögen konnte ich leider nicht allzuviel helfen, aber das war ja von vornherein klar. Umso interessanter fand ich es einen Einblick zu bekommen wie die Leute hier leben. Bosa Kito ist – glaube ich wenigstens – eine ziemlich bunt gemischt Kebele. Von vollkommen ungebildeten Tagelöhnern bis zum Ingenieur findet man hier alles. Und man kann schon beim Betreten der Wohnung sagen, ob es eine reiche oder eine arme Familie ist. Das kann man allein schon an der Anzahl der Möbelstücke sehen. Was jedes Haus und jede Wohnung gemeinsam haben, ist dass alles ordentlich aufgeräumt ist und immer versucht wird, es so heimelig wie möglich zu machen, auch wenn die Mittel noch so begrenzt sind.
Kaffeezeremonie
Auch die Gastfreundschaft und Offenheit der Leute hat mich beeindruckt. Ich würde bestimmt nicht zwei Fremde einfach so in meine Wohnung bitten und denen Kaffee und Essen anbieten und auch noch meine Zeit mit einer Befragung verschwenden lassen. Die Leute hier schon. Eine Frau (die hatte den süßesten Sohn!), hat sogar eine kleine Kaffeezeremonie für uns abgehalten.
Am dritten Tag waren wir statt im Dorf in einer Grundschule und haben dort die Kinder untersucht. Wir hatten ein bestimmtes Kollektiv aus jeder Altergruppe zu untersuchen und sollten die Kinder mehr oder weniger von Kopf bis Fuß untersuchen. Es war sehr spannend zu sehen wie eine Schule in Äthiopien aussieht. Leider ist es auch schwer vorstellbar SO zur Schule gehen zu müssen. Klassen mit 30 – 50 Kindern sind die Norm, drei Kinder arbeiten an einem Tischchen und mehr als eine Tafel im Raum gibt es nicht.
Auch die Untersuchungsbedingungen fand ich schwierig. Ich habe mich bei den höheren Klassen einteilen lassen, weil die Schüler dort schon Englisch lernen und ich so unabhängig meine Kinder untersuchen konnte. Diejenigen, die nicht untersucht wurden, hätten zwar Pause gehabt, sind aber in der Klasse geblieben, weil es ja so viel spannender ist uns zuzusehen. Ich habe mehrere Mädchen untersucht, die um die 14 Jahre alt waren und die vor einer solchen Meute so zu untersuchen, dass es ihnen nicht peinlich ist, war praktisch unmöglich. Ich finde es auch so schon nicht einfach, ein Mädchen in dem Alter zu untersuchen, selbst wenn man optimale Untersuchungsbedingungen hat, aber so, war das absolut unmöglich.
Hier haben wir beim Wäsche Waschen gestört
Auch die Genauigkeit der Untersuchung hat dadurch natürlich gelitten. Teilweise hatte ich so eine Meute um mich herumstehen, dass ich mich kaum bewegen konnte (wegschicken war wirkungslos), geschweige denn vernünftig auskultieren. Und als „the ferengi doctor“ war ich auch noch die Attraktion des Tages und durfte einmal die Klasse erst verlassen nachdem ich noch 3 Kinder extra untersucht hatte. Alles in allem ein wirklich schöner und interessanter Tag!
So viel zur positiven Seite, nun zur negativen.
Nur die wenigsten der Studenten nehmen ihre Aufgabe ernst. Vielfach hängen meine Mitstreiter nach ein oder zwei Stunden Arbeit nur noch im Schatten rum und machen nichts. Auch mein „Partner“ lässt bestimmte Fragen einfach geflissentlich aus oder füllt nach nur wenigen Worten Gespräch zwei Seiten im Fragebogen aus und nachdem die Fragen sehr unterschiedlich sind, ist es auch nicht möglich, dass die Fragen in dieser kurzen Zeit beantwortet wurden.
Natürlich verstehe ich, dass es für die eine Menge extra Arbeit ist und auch dass die paar Notenpunkte die man für das Projekt bekommt nicht wahnsinnig viel Arbeit wert sind. Auch ist es verständlich, dass man gerade auf sowas direkt nach der Prüfungsphase keine Lust hat. Trotzdem finde ich, sollte man bei einem solch wichtigem Projekt wenigstens versuchen ordentlich zu arbeiten, auch wenn die äthiopische Art generell etwas gemütlicher und weniger genau ist als die deutsche.
Ich muss zugeben, dieses Verhalten finde ich ziemlich enttäuschend und was ich aus den anderen Gruppen so vernommen habe ist es da nicht anders. Auch deshalb bin ich momentan sehr zwiegespalten was das ganze Programm betrifft.
Ein paar Kinder in der Schule. Meine Kamera war eine sehr spannende Sache

Dienstag, 12. April 2011

11.04. - 12.04.2011: Das CBTP 1

CBTP ist kurz für Community Based Training Programm und der eigentliche Grund weshalb ich nach Äthiopien gekommen bin. Es ist ein Markenzeichen der Jimma University. Das Programm sieht vor, dass die Studenten Fragebögen zu bestimmten Themen erstellen und dann in Gruppen in verschiedene Dörfer fahren, um die Bevölkerung zu befragen, die Informationen auszuwerten und in einem Abschlusssymposium vorzustellen. Wir 6 Studenten der LMU werden jeweils einer Gruppe von Studenten zugeteilt und arbeiten mit ihnen im Team.
Ich wurde der Kebele Bosa Kito in Jimma zugeteilt. Anfangs war ich etwas enttäuscht, weil ich mir erhofft hatte noch ein wenig mehr von der Gegend um Jimma sehen zu können, aber man kann nicht alles haben.
Die ersten 2 Tage sind für die Erstellung der Fragebögen vorgesehen. Allerdings ist Erstellung übertrieben, weil es eigentlich Wochen dauert einen Fragebogen zu konzipieren und zu testen. Die Studenten wissen das und auch, dass die Fragebögen schon vorbereitet und kopiert im CBTP-Büro liegen. Daher sind die ersten zwei Tage auch so richtig unproduktiv abgelaufen. Bis auf zwei einstündige Treffen, hatten wir eigentlich nichts zu tun.
Ziele dieser CBTP-Phase sind:
  • Daten über die Gesundheit der Frauen im Alter von 15 - 49
  • Daten zum Impfstatus der <2järhigen und
  • Daten über den Gesundheitsstatus von Schulkindern
zu sammeln.

Soweit ich meine Gruppe bisher kennengelernt habe, scheinen alle recht nett zu sein, auch wenn manche etwas faul wirken und andere mit etwas zu nahe kommen wollen...
Die Zusammensetzung ist wirklich ungewohnt: 19 Männer 4 Frauen.

Soviel dazu, morgen geht es ins Dorf.

Dienstag, 5. April 2011

04.04.11 – 05.04.11: Die Chirurgie

Nach der Pädiatrie, wollte ich mir die Chirurgie ansehen. Ich habe mir nicht sonderlich viel erwartet, nachdem ich mich letzte Woche mit Andrea, einer Chirurgin aus der Schweiz die hier momentan ehrenamtlich tätig ist, unterhalten habe. Dass diese Erwartungen aber auch noch unterboten werden können, war mir nicht klar.
Als wir um 8 in der OPC (Outpatient Clinic) bzw. im „Emergengy Departement“ angekommen sind, war kein Arzt weit und breit zu sehen. Das hat sich auch für 1,5 Stunden auch nicht geändert. Wartebereiche voller wartender Patienten, die evtl. auch kritisch sein können scheint keinen zu interessieren.
Als schlussendlich doch ein paar Ärzte (bzw. ein paar Interns und ein 1st year resident) eintrudeln, wird in einem ziemlich gemächlichen Tempo mit der Arbeit begonnen. Ein Mann der schon seit 8 Uhr mit seinem dicken, durchgebluteten Verband wartet, wird eine weitere Stunde ignoriert.
Auch habe ich den Eindruck, dass auf Anamnese hier überhaupt keinen Wert gelegt wird. Die Ärzte übersetzen zwar, wenn man darum bittet, aber die Informationen sind spärlich. Bei einem Patient mit einer Kopfplatzwunde zum Beispiel, bekomme ich auf die Frage was passiert ist, die Antwort: „Er hat eine Kopfplatzwunde“. Als ich nach dem Mechanismus frage, werde ich groß angeschaut und dann wird der Patient hastig gefragt. Nun erfahre ich, dass er bei einem Streit irgendwie auf den Kopf gefallen ist. Ich möchte wissen ob der Patient bewusstlos war oder nach dem Sturz etwas ungewöhnlich war. Wieder ein fragender Blick und hastiges Gefrage. Ich sollte vielleicht dazu sagen, dass der Arzt sich bevor ich ihn ausgefragt habe mindestens 15 Minuten mit dem Patienten gesprochen hat. Worüber haben die sich bitte unterhalten? Das Wetter?? Dieses Szenario hatte ich sehr häufig in den 2 Tagen mit den Chirurgen.
Weiter zu den anderen Patienten, dieses Trauerspiel von „Anamnese“ und „körperlicher Untersuchung“ konnte ich nämlich relativ schnell nicht mehr mitansehen. Viele Patienten kommen zum Verbandswechsel und gehen dann wieder nach Hause. Relativ simpel und sollte auch schnell gehen. Diese Verbandswechsel kann sich unsereins wirklich nicht vorstellen. Ich war wirklich schockiert.
Zunächst werden die alten Verbände abgemacht, was bedeutet, dass die Verbände abgerupft werden und der Patient vor Schmerzen aufschreit. Wenn der Chirurg nett ist, dann werden die Verbände mit NaCl getränkt und dann abgerupft, was etwas weniger schmerzhaft ist. Was folgt ist eine „Beurteilung“ der Wunde, die dann wieder mit NaCl gespült wird (gerne auch jegliche andere Art von Infusionslösung, wie Ringer Lactat oder Glucose). Desinfektion? Fehlanzeige. Auch auf meine direkte Frage hin, ob noch mit irgendwas desinfiziert würde, wird mir gesagt, dass NaCl reicht. Aha... ist ja interessant. Kein Alkohol, kein Jod, kein gar nichts kommt an die Wunde. Lediglich bei tieferen Wunden kommt „Hydrogen Peroxide“ (Wasserstoffperoxid...) zum Einsatz. Das wird einfach in die Wunde gekippt und damit wird die Wunde „gereinigt“. Mehr oder weniger ist danach einfach alles weg geätzt. Unfassbar. Danach kommt ein neuer Verband auf die Wunde.
Äthiopische Abszessdrainage. Im Freien und das Fensterbrett als Ablage
Dass ich die hygienischen Zustände hier schwierig finde, habe ich ja schon in meinem Bericht über die Pädiatrie erzählt, aber die Chirurgen sind auch in der Beziehung schlimmer. Sie haben keine Ahnung was steril arbeiten bedeutet. Teilweise habe ich den Eindruck, dass sie denken, dass alles was man mit sterilen Handschuhen anfasst auch steril ist. Leider scheint es aber auch so, dass ihnen das keiner richtig zeigen kann, weil es niemand besser weiß.
Viele der Patienten haben offensichtlich (und sehr gut hörbar) große Schmerzen, aber die werden gar nicht zur Kenntnis genommen. Es wird den Patienten keine Art von Schmerztherapie angeboten. Ich habe naiverweise trotzdem nach Schmerzmitteln gefragt und ob die Patienten etwas bekommen. „Wir können ja schlecht die ganze Wunde zum Verbandswechsel mit Lidocain unterspritzen“. Geile Antwort. Der Arzt wollte mich mit Blicken töten, als ich gemeint habe:“Selbstverständlich nicht, aber mit einer systemischen Schmerztherapie kann man auch lokale Schmerzen lindern“. „Das sollen die Patienten einfach aushalten“, wurde mir erwidert. Das schwachsinnige daran ist, dass die Patienten die Medikamente hier selbst bezahlen müssen und entsprechend keine Ressourcen der Klinik verschwendet werden würden, aber die Patienten werden noch nicht einmal darüber informiert, dass es Schmerzmittel gäbe und sie – wenn sie die finanziellen Mittel haben – welche bekommen können. Vor allem sind die Schmerzmittel hier auch echt billig (auch in Relation zu den hiesigen Gehältern gesehen). Für mich ist das völlig unverständlich.
Der Mann mit dem durchgebluteten Verband wurde gegen Mittag angesehen. Der Verband wurde ziemlich rabiat abgenommen und die Aufschreie des Patienten wurden geflissentlich ignoriert. Was sich nun offenbarte war alles andere als appetitlich: ein zerfleischter Daumen, aus dem noch ein Teil des Knochens ragte. Mein erster Gedanke bei diesem Anblick: „Jetzt wird gleich amputiert“.
Die Verletzung war schon über 12 Stunden alt und Teile des Daumens waren offensichtlich bereits nekrotisch (d.h. Das Gewebe ist abgestorben und kann nicht mehr gerettet werden). Der vordere Daumenknochen war bei der Messerstecherei zerteilt worden, die Gelenkkapsel war eingerissen und die obere Hälfte des Daumens hing nur noch in Fetzen am Rest.
Der Finger... live sah er noch schlimmer aus.
Der Patient saß heulend vor uns und hat gebettelt den Finger nicht amputiert zu bekommen, was ich auch verstehen kann. Was macht der Arzt? Anstatt sich zwei Minuten Zeit zu nehmen und dem Patienten zu erklären, dass es mehr Sinn macht das nekrotische Gewebe und einen Teil des Knochens jetzt zu entfernen (dadurch würde er zwar einen Teil seines Daumens verlieren, aber gute Heilungschancen haben), macht er einen Fingerblock (das heißt man betäubt mit einem Lokalanästhetikum nur den Finger) mit Lidocain & Adrenalin (abolut kontraindiziert bei sowas...) und näht mit drei extrem halbherzigen Stichen ein bisschen von dem zerfetzten Geweben an den Finger und klatscht einen Verband drauf. Ich war fassungslos! Am schlimmsten fand ich was der Arzt dann gesagt hat:“ Das Gewebe ist ja eh nekrotisch und wahrscheinlich auch schon infiziert, in 3 Tagen werden wir den Finger dann amputieren“. So ein Mensch darf Arzt werden??? Anstatt das möglichste zu tun, um den Finger des Patienten zu retten und dem Patienten die Möglichkeiten zu erklären, wartet er trotz besserem Wissen einfach nur darauf den ganzen Finger amputieren zu können und den Mann zum Krüppel zu machen. Und das mit einem süffisanten Lächeln. Ich könnte immer noch kotzen wenn ich nur an diese Sache denke!
Dass ich als Studentin und Frau natürlich nichts zu melden habe und sämtliche Einwände die ich während dieser Episode erhoben habe übergangen wurden, muss ich wahrscheinlich eh nicht mehr erwähnen.
Leider ist das hier keine Ausnahme, sondern die Regel. Mir kommt es häufig auch so vor, als wäre ein Mensch hier nichts wert. Vielfach scheint es mir so, als würde Sachen die man mal gelesen hat einfach mal ausprobiert, ob der Patient aufgrund dessen Probleme bekommen könnte (auch lebensgefährliche...) ist egal. Bei uns würde man kein Tier so behandeln.

Stiffneck

Montag, 4. April 2011

04.04.11: Polytrauma auf Äthiopisch

Ein Polytrauma ist eine Ansammlung von mehreren potentiell lebensbedrohlichen Verletzungen. Häufig sind zum Beispiel schwere Autounfälle oder Stürze aus großer Höhe die Ursache. Beim Patienten der mir heute begegnet ist, war die Ursache eine Machete. Er hatte sich mit jemandem gestritten, der ihn dann mit der Machete angegriffen hat und so zugerichtet kam er dann in die Notaufnahme. Und damit begann auch das Drama...
5 Interns haben sich erstmal in einem Schneckentempo auf den Patienten zubewegt (kurz nach der 2stündugen Mittagspause...) und vollkommen unkoordiniert rumgewurschtelt. Dann wurde einem Familienmitglied ein Rezept in die Hand gedrückt und ein Päuschen gemacht. Ich dachte ich werd nicht mehr! Wie wär's mit Vitalparametern checken? Wunden beurteilen? Anamnese? IRGENDWAS????? Nichts. Einfach nichts. Nach einer viertel Stunde kam ein Mann mit einer Kiste zurück, darin waren Infusionslösungen. Das bewegte die Interns einen rosanen Zugang zu legen (viel zu kleiner Zugang, eigentlich bräuchte man 2 größere Zugänge um – im Falle eines Schocks – viel Volumen geben zu können). Dann kam man auf die Idee den Puls zu messen. Uhren sind unter Ärzten hier anscheinend out, jeder nimmt sein Handy zum Puls messen. Also erstmal Handy raussuchen, Timer finden und dann eine volle Minute (!) Puls mitzählen. Selbiger Intern verschwindet dann in einschläfernder Geschwindigkeit um ein Blutdruckmessgerät zu holen. 
Die Meute die uns umringt und beobachtet hat, teilweise konnte man sich nicht umdrehen vor lauter Zaungästen

Die restlichen haben sich inzwischen sterile Handschuhe geschnappt und NaCl um die Wunden zu spülen. Es geht sehr sauber und steril zur Sache. Ich glaube wenn man die Wunde mit Spucke gereinigt hätte, hätte das etwa den selben Wert. Das liegt hauptsächlich daran, dass hier anscheinend niemand das Konzept von Sterilität versteht. Ich habe den Eindruck, dass die Ärzte hier denken, dass alles was sie mit sterilen Handschuhen anfassen auch steril ist. So folgt der erste Griff mit sterilen Handschuhen gerne mal ins Gesicht um seine Brille hoch zu schieben oder auf die vollkommen versiffte Patientenliege. Die Wunden an sich werden auch nicht wirklich beurteilt, sondern nur mit NaCl ausgespült und dann mit einem „sterilen“ und „sauberen“ Verband zugeklebt. Selbstverständlich nicht ohne, dass jeder der Anwesenden mit „sterilen“ Handschuhen in jede der Wunden reingefasst hat. Infektion ahoi! Den Patienten zu entkleiden um das volle Ausmaß der Wunden zu sehen, macht auch keiner. So werden 2 größere Wunden einfach übersehen.
Nach fast einer Stunde, in der der Patient immer wieder vor Schmerzen aufschreit, frage ich die Interns was denn als Schmerzmedikation gegeben wurde. Man schaut sich gegenseitig an und einer schreibt ein Rezept für Tramal (zwar ein starkes Schmerzmittel, aber vermutlich nicht ausreichend bei diesen Verletzungen). Der arme Patient.
In der Zwischenzeit kommt man (nachdem ich etwas suggestiv gefragt habe) auf die Idee, dass man ja vielleicht mal auskultieren könnte. Der Patient wurde ja schließlich in die Brust gestochen mit der Machete. Pneumothorax oder Hämatothorax sind entsprechend Diagnosen, die man unbedingt ausschließen sollte! Also setzt man den Patienten auf (tolle Idee, zur Seite drehen hätte auch gereicht und wäre schonender gewesen), klaut sich mein Stethoskop und fängt an das Schulterblatt beidseits abzuhören und zu behaupten, dass da Atemgeräusche hörbar sind. Was für ein schlechter Scherz. Ich habe mein Stethoskop zurückerobert und selbst abgehört. Die Seite in die die Machete gerammt wurde, ist wenn überhaupt nur sehr schwach ventiliert und der Klopfschall ist sehr dumpf. Mein Tipp: Hämatothorax, aber das kann man nur durch eine bildgebende Diagnostik bestätigen.
Während dieses Rumgewurschtels, hat auch keiner die Vitalparameter regelmäßig überprüft oder den Patienten genau untersucht. Nach zwei Stunden, kam jemand auf die Idee, den Bauch abzutasten und siehe da: bretthart und schon bei der Perkussion (=abklopfen) stöhnt der Patient vor Schmerzen. Das sind Zeichen für eine Peritonitis (was zum später entdeckten offenen Darm passt) und so ein Patient würde eigentlich sofort in den OP gehören.
Habe ich eigentlich erwähnt, dass in der ganzen Zeit kein einziger Resident anwesend war? Ich hab zeitweise wirklich heftigste Aggressionen bekommen. Sowohl Jana als auch ich waren der Meinung, dass wir diesen Fall besser und schneller managen hätten können als diese Bande. Ich bin gerade mit meinem 9. Semester durch und meine Erfahrungen mit Polytraumata hält sich in Grenzen. 
Röntgen gab's nach nach 5 Stunden...!

Irgendwann hatten die Interns wohl alle keinen Bock mehr und sind einer nach dem anderen verschwunden. Der Resident der irgendwann aufgetaucht ist (nach 3 Stunden...) hat den Patienten halbherzig angesehen und ist wieder gegangen. Nach über 4 Stunden wurden endlich Röntgenuntersuchungen gemacht und anscheinden gibt er erst nach fast 8 Stunden in den OP. Ein Witz. Limitierte Möglichkeiten alles Gut und Recht, aber was in diesem „Emergency Departement“ heute abgelaufen ist, hat damit nichts zu tun. Das war einfach nur traurig mitanzusehen und dass der Patient – wenn nicht ein Wunder passiert – dank dieser „Erstversorgung“ dem Tod geweiht ist, muss ich eigentlich schon gar nicht mehr erwähnen.
Memo an mich selbst: hier keine Probleme haben, die chirurgischer Art sind!

Mittwoch, 30. März 2011

28.03.11 – 31.03.11: Die Pädiatrie – Teil 2: Die Station

Nach fast 3 Tagen mentaler Vorbereitung habe ich mich auf die Station gewagt. Es ist heftig hier! Wenn man die Station betritt, rennt man erstmal gegen eine Wand von Gestank die einem den Atem raubt. Die hygienischen Zustände sind unglaublich. In den Zimmern stehen die Betten so eng beisammen, dass zwischen zwei Betten genau eine Person stehen kann. Generell sind die Zimmer ziemlich überbevölkert: 10 – 12 Patientenbetten, in dem der Patient und ein Familienmitglied schlafen, dazu kommen aber noch die restlichen 1 – 5 Familienmitglieder, die den Patienten begleiten und die meist irgendwo auf dem Klinikumsgelände im Freien schlafen.
So etwas wie ein Patientenbad oder eine Toilette scheint es nicht zu geben. Die Kinder machen einfach ins Bett oder bisweilen mal in einen Nachttopf, der aber nicht geleert wird (daher auch der Gestank). Wo die Angehörigen sich waschen oder sich erleichtern? Ich habe keine Ahnung. 
Das kleinste Zimmer auf Station




Es ist brütend heiß (teilweise heißer als draußen) und stickig, dazu der Gestank. Ich hatte mehr als einmal das Gefühl, dass ich bei der Visite umkippe. Das ist mir zum Glück nicht passiert, sonst wäre ich vermutlich auch in einem dieser Betten gelandet und wer weiß was man sich da einfängt. Das ist nicht böse gemeint, aber auf Station liegt einfach alles querbeet gemischt (teilweise höchst ansteckende Krankheiten) in den Zimmern und die meisten Ärzte benutzen weder Handschuhe noch Desinfektionsmittel. Auf Anfrage bekommt man zwar beides, aber dass es – wie bei uns – Standard wäre? In keinster Weise. Es gibt sogar ein Isolationszimmer in dem zwei Patienten mit Masern liegen, aber ich habe den Eindruck, dass den Ärzten gar nicht klar ist, was Isolation bedeutet. Man rennt nämlich munter in das Zimmer und wieder raus, fasst die Patienten an, desinfiziert sich auch hier nicht die Hände und zieht auch keine Schutzkleidung an. Somit werden die Masernviren einfach so auf der gesamten Station verteilt. Äußerst gefährlich, weil hier nur mit einem pentavalenten Impfstoff geimpft wird (5fach-Impfung gegen Diphterie, Tetanus, Polio, Haemophilus influenzae, Pertussis) und die MasernMumpsRöteln-Impfung auch nicht zum Standard gehört. Außerdem sind viele Kinder trotz aller Bemühungen überhaupt nicht geimpft. Das macht dieses Verhalten meiner Meinung nach noch gefährlicher.

Auch das Hantieren mit Nadeln und Skalpellen ist eigen. Recapping ist normal (schauerlich!Wer will hier bitte eine Nadelstichverletzung?!), Abwürfe gibt es selten und wenn dann aus Karton (sehr sinnvoll), Skalpelle werden gern mal in Papier eingewickelt (Argh!) oder in den Müll geschmissen. Wenn Infusionen vorbereitet werden, dann bleiben die Nadeln auch gern auf dem Tisch liegen, wo jeder versehentlich hinfassen kann.
Ich war ja gewarnt, denn mir wurden solche Geschichten schon mehrfach erzählt, aber das mit eigenen Augen zu sehen ist etwas ganz anderes. Es macht mich so wütend das zu beobachten, denn so limitiert die Möglichkeiten hier auch sein mögen, allein mit simplen Hygienemaßnahmen, kann man schon so vieles verhindern.
Die Neonatologie besteht aus einer Infusion, einer Wärmelampe und einer Sauerstoffleitung

Die Neonatologie ist auch ein Fall für sich. Im Prinzip nur ein Tisch, auf dem die Kinder unter einer Wärmelampe liegen. Es gibt zwar auch Ärzte da, aber die können für Frühchen eigentlich überhaupt nichts machen, außer Infusionen zu geben und ein bisschen Sauerstoff über eine Nasenbrille. An dem Tag als ich zum ersten Mal dort war, lag auch ein 28 Wochen Frühchen dort. Auf meine Frage was man denn für das Kind machen könnte, wurde mir durch die Blume gesagt, dass man eigentlich nur darauf wartet, dass das Kind stirbt.
Viele der Ärzte sind schon in Europa oder Amerika gewesen und kennen deshalb auch „unsere“ Art Medizin zu machen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass es für die ganz schön frustrierend sein muss zu wissen was möglich ist und dann zu sehen, welche Möglichkeiten sie selbst haben. Es kommt sehr oft die Aussage „Wenn wir jetzt xyz hätten würden wir das machen, aber wir haben xyz nicht“. Besonders schlimm finde ich, dass es beispielsweise keine Mikrobiologie und nur ein sehr limitiertes Labor gibt. Ich finde ohne MRT oder CT kann man leben, aber beispielsweise ein Antibiogramm wäre schon paradiesisch. Es werden hier auf eine schwere Infektion einfach mal kalkuliert 3 – 4 Breitbandantibiotika draufgeklatscht und dann wird gehofft, dass etwas wirkt.
Genug schockierendes erzählt für heute, denke ich. Ich werde vielleicht noch von 2 – 3 interessanten Fällen berichten, die ich hier gesehen habe.
auf der Päppelstation

Dienstag, 29. März 2011

28.03.11 – 31.03.11: Die Pädiatrie – Teil 1: OPD

Ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll, bei den ganzen Dingen die ich hier in den letzten Tagen gesehen und erlebt habe...
Die Pädiatrie im Jimma University Specialized Hospital ist in 2 Teile gegliedert: die Station (die wiederum aus „ward“, „critical“, „neonatology“ und einer Aufpäppeleinheit für unterernährte Kinder besteht) und dem Outpatient Departement – kurz OPD.

Die ersten drei Tage habe ich im OPD verbracht. Das ist ein einstöckiges Gebäude mit mehreren Untersuchungsräumen und einer Veranda auf der Bänke für die Wartenden stehen. Der Ablauf ist der, dass die Interns (bei uns wären das PJler) die Patienten in einen der Räume rufen, untersuchen und evtl. weitere Untersuchungen (meist ein Labor) anordnen. Ein Resident ist immer auf der Veranda unterwegs um akute Fälle gleich auszusortieren und zu behandeln oder aufzunehmen. Das System an sich finde ich nicht schlecht organisiert. Ein großes Manko ist für mich allerdings, dass es keine Privatsphäre gibt. In einem Behandlungsraum werden drei Patienten gleichzeitig untersucht, dabei ist mindestens ein (eher 3) Familienmitglied anwesend, der Intern/Resident/Student und teilweise völlig unbeteiligte Menschen, die einfach da sind. All das auf vielleicht 8m².
Ich bin meistens mit Demeke – einem Pädiatrieresident – mitgelaufen. Entgegen dem, was uns so erzählt wurde, ist man hier ohne fließendes Amharisch oder Oromifa echt aufgeschmissen. In der Chirurgie oder der Gynäkologie, wo man nicht so viel mit den Patienten kommunizieren muss, ist das bestimmt einfacher, aber bei internistischen Fächern, wo vor allem die Anamnese einen großen Stellenwert hat, ist man darauf angewiesen, dass jemand für einen übersetzt.
Die OPD bevor die Patienten kommen

Demeke hat meistens auf der Veranda „patrouilliert“ und nach kritischen Fällen Ausschau gehalten. Je nachdem wie kritisch der Zustand des Patienten eingeschätzt wird, wird er gleich an einen Intern weitergereicht oder eben sofort von uns untersucht. Eine gute Art und Weise einen Überblick zu bekommen, was hier für Patienten behandelt werden. Sehr viele Kinder werden wegen Durchfall oder Erbrechen hergebracht. Interessanterweise auch häufig von den Vätern, das hatte ich nicht erwartet.
Bei den Kindern mit Erbrechen und Durchfall ist es am wichtigsten festzustellen, wie stark dehydriert sie sind. Bei keiner oder milder Dehydratation werden sie nicht aufgenommen sondern lediglich mit einer „oral rehydration therapy“ versorgt. Das ist einfach eine Elektrolytlösung, die die verlorenen Flüssigkeit im Körper substituiert.
Die nächste Hauptgruppe der Patienten sind Kinder mit Lungenerkrankungen. Lungenentzündungen, Tuberkulose, Asthma... Häufig sind die Kinder „richtig“ krank, weil die Eltern anstatt frühzeitig zum Arzt zu gehen erst zu traditionellen Heilern (die Muslime) oder zum „Holy Water“ (die Orthodoxen) gehen und diese Methoden ausprobieren. Erst wenn das versagt hat kommen sie zum Arzt, was häufig einfach zu spät ist. Außerdem ist ein Großteil der Kinder unterernährt und haben deshalb auch keine Reserven auf die der Körper im Krankheitsfall zurückgreifen kann. Dementsprechend – habe ich den Eindruck – werden die Kinder hier viel leichter schwer krank als bei uns.
Generell ist das Patientenspektrum sehr breit.
Was ich auch mehrfach gesehen habe, waren Jungen mit ei
nochmal die OPD
ner Phimose nach Beschneidungen. Gerade bei den muslimischen Familien ist es hier Gang und Gäbe, dass die Jungen beschnitten werden. Die Beschneidungen werden aber selbstverständlich nicht von Ärzten durchgeführt sondern von irgendwelchen Beschneidern. Ich will gar nicht wissen, wie das bei denen zugeht, aber bei den Infektionen die ich nach Beschneidungen hier gesehen habe, sicher nicht sauber. Einer der Jungen die ich gesehen habe, hatte eine Infektionen, die die sich schon zu einem Gangrän umgewandelt hatte (ein Gangrän ist Absterben von Gewebe durch schlechte Blutversorgung) Der hat gebrüllt beim pinkeln, das kann man sich nicht vorstellen. Das Kind musste solch unfassbaren Schmerzen gehabt haben... Vor allem hat der Beschneider bei ihm auch noch gepfuscht. Er hatte nämlich nicht nur die Vorhaut abgeschnitten sondern auch einen Großteil der Eichel, dazu noch die momentane Wundinfektion und eine Nierenbeckenentzündung (wegen der Schmerzen hat der Junge einfach nicht mehr gepinkelt). Die Eltern sind auch, als es dem Kind schlecht ging erst zu einem Heiler gegangen, bevor sie in die Klinik gekommen sind. Und jetzt stehen die Ärzte da mit einem Kind in einem höchst kritischen Zustand, bei dem es unklar ist ob er überlebt oder nicht.
Ein anderer Patient der mir im Gedächtnis geblieben ist, war ein etwa 10-jähriger Junge, der mit Lähmungserscheinungen zu uns gebracht wurde. Die Anamnese ergab, dass er nicht geimpft ist und die Symptomatik klang sehr nach Poliomyelitis (=Kinderlähmung). Da fragt mir der Arzt „How do you treat polio in your country?“. Ich war erstmal sehr perplex und musste dann antworten: „In my country there is no polio, because everyone gets the vaccination“. Vor allem: ich hätte absolut keine Ahnung, was ich bei einem Patienten mit Polio machen müsste. Alles was wir in der Uni darüber gelernt haben, sind ein paar Symptome und ist ja kein Problem, weil es ja eine Impfung gibt.
Eine ziemlich coole Sache war, dass ich einen Patienten mit Lepra gesehen habe (cool im Sinne: Fall wie im Lehrbuch, aber zum Glück auch gut therapierbar). Selbst die Ärzte hier sehen sehr selten Lepra, weil man sehr lang engen Kontakt zu einem Leprakranken haben muss, damit man sich überhaupt ansteckt (in dem Fall, die Mutter). Der Junge hatte wirklich die klassischen Zeichen von Lepra und man konnte ihn perfekt klinisch diagnostizieren, weil die Symptome wirklich so klassisch waren.
Apropos Diagnostik: es ist der Wahnsinn wie wenig den Ärzten hier zur Verfügung steht um ihre Diagnose abzusichern. Sie können einige Basislaborparameter abnehmen (Blutbild, Leber- und Nierenwerte, Elektrolyte, Blutsenkungsgeschwindigkeit und viel mehr hab ich nicht mitbekommen) eventuell ein Sono machen lassen (aber extremst selten) und Röntgen. Das heißt, dass im Prinzip die komplette Diagnose auf dem Wissen des untersuchenden Arztes beruht. Ich muss auch sagen, dass ich den Eindruck habe, dass was klinische Diagnosen betrifft, die Ärzte hier wirklich sehr gut sind. Da könnten wir uns wirklich ein Scheibchen abschneiden.

Samstag, 21. August 2010

Warum ICU manchmal wirklich scheiße ist!

Ok Leute. Ich bin heute ernsthaft angekotzt von meiner Famulatur!
Das liegt nicht am Team (die sind alle sooooo nett!), sondern an den Patienten… Nein, sie sind nicht quengelig oder nerven, weil sie ständig wegen ncihts klingeln. Das alles geht auf der ICU ja nicht. Die meisten sind ja sediert (im „künstlichen Koma“) und beatmet.
Die Intensivstation auf der ich bin ist eine sehr große Station (20 Betten) und wir haben einen großen Patientendurchlauf. Positiv (Patienten die nach einer OP eine bestimmte Zeit intensivmedizinisch betreut werden müssen, dann auf die Normalstation verlegt werden und gesund und happy wieder rausspazieren) wie negativ (Patienten, die schwere Unfälle haben, nach eine NotOP nicht mehr auf die Beine kommen oder aus irgendwelchen anderen Gründen nicht wieder gesund werden).
Letztere kotzen mich heute wirklich an. Die können natürlich nichts dafür, aber ich erzähl euch mal was ich in den letzen 2 Tagen an solchen Patienten gesehen hab:
Mr. M, 78: rupturiertes Aortenaneurysma (= eine Aussackung der Hauptschlagader, die zerreißt. Blutet sehr stark und ist hochgradig lebensgefählich), wurde als Notfall in die Klinik gebracht operiert und hat die OP erstmal überraschend gut überstanden. Innerhalb von 2 Tagen wurde respiratorisch extrem schlecht (heißt: es wird eine sehr invasive Beatmung benötigt, was wiederum nicht gut für die Lunge ist), war im Nierenversagen (die Niere entgiftet das Blut nicht mehr richtig und diese Substanzen sammeln sich im Blut. Sehr schlecht, wenn man diese Stoffe nicht durch eine Dialyse maschinell herausfiltert) und hat aufgehört über den Darm Nahrung zu absorbieren. Ich war dabei als wir seiner Familie sagen mussten, dass eine weitere Therapie nicht erfolgversprechend ist und wir keine Reanimation einleiten werden, sollte er ein Herzversagen haben. Ich saß seinem Bruder gegenüber, als das gesagt wurde. Der Ausdruck in seinen Augen… ich hätte heulen können. Das war am Donnerstag, am Freitag Vormittag ist er gestorben. Seine Familie ist um ihn herumgesessen.
Mr. R, 38: hatte einen schweren Motorradunfall und hatte von Anfang an eine extrem schlechte Prognose. Die wurde seiner Frau und seinen Eltern auch mitgeteilt. Die Frau ist vollkommen zusammengebrochen und war nicht mehr zu beruhigen. Am Donnerstag nacht hat sich unsere Prognose bewahrheitet und er ist gestorben. Er hatte 2 Kinder: 1 und 4 Jahre alt.
Frau B, 66: war schon seit 2 Monaten auf der ICU. Asthmatikerin und immer wieder wegen pulmonalen Problemen in der Klinik gewesen. Bis auf die Lungenprobleme ist sie aber recht rüstig, sitzt wach in ihrem Bett und wird über ein Tracheostoma beatmet. Bis auf die Lunge geht es ihr gut. Aber diese sind nicht zu beheben und ihre Situation wird seit sie hier ist schlechter und nicht besser. Nun hat sie auch noch eine Pneumonie (Lungenentzündung) und ist septisch. Aber trotzdem sitzt sie im Bett, und verständigt sich mit Händen und Füßen. Sie will unbedingt wieder gesund werden, nur wird das leider nichts mehr. Die Ärzt entscheiden also mit der Familie die Beatmung auszuschalten. Ich sitze am Desk und schlage Sachen nach, als mein Blick auf ihren Bildschirm fällt (wir haben dort unsere Kontrollzentrale). Erst immer mehr Arrhythmien (unregelmäßiger Herzschlag), dann nimmt die Sättigung weiter ab, der MAP (mean arterial pressure, der arterielle Mitteldruck) sinkt auf null. Im EKG sieht man noch sporadische elektrische Aktivitäten, dann auch dort die Nulllinie. Sie ist tot. Allein in ihrer Ecke, die Familie ist vor einer Stunde nach Hause gegangen.
Frau K., 85: ebenfalls ein rupturiertes AAA, hat die Geschichte aber recht gut überstanden und ging nach 4 Tagen auf Normalstation (meine erste eigene Patientin). Kurz vor ich heute los wollte, habe ich noch mitbekommen, dass sie wieder kommen wird. Verdacht auf Schlaganfall.
Irgendwie viel, für 1 Tag, sagen sogar die Ärzte. Und es lässt einen die Erflogsgeschichten, die man feiern kann fast vergessen. Ich kann sowas normalerweise recht gut ausblenden, aber die letzten 24 Stunden waren einfach heftig. Ich geh jetzt in die Stadt, ich brauche Ablenkung. Zum Glück ist Fringezeit!
Inzwischen habe ich das Gefühl, dass diese Famulatur, die heftigste werden könnte, die ich bisher hatte…

Mittwoch, 18. August 2010

Mein erster eigener Patient

Tag 3 meiner Famulatur, nach der Morgenbesprechung. Der Consultant hat mir Frau X als Patientin zugewiesen. Mir ALLEIN! Das heißt ich muss ihr tägliches Assessment machen, einen Treatmentplan erstellen, alles in ihrer Akte notieren und dann bei der Grand Round vorstellen. Oh my fucking god! Es ist doch erst mein dritter Tag! Ich hab doch erst einmal ein Assessment mitgemacht! AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA!!!!!!!
Panik. Naja nicht gerade Panik, aber doch eine Herausforderung. Der Consultant ist nämlich echt in Ordnung, aber ich möchte doch zeigen, dass ich auch was kann. Also auf zur Patientin ins Zimmer, die Physiotherapeutin fragen, was sie so gemacht hat, ob es Fortschritte gibt, die Schwester nach der Nacht fragen und so weiter. Dann die körperliche Untersuchung (meine Güte ist das Stethoskop scheiße…), Beatmungsparameter überprüfen und anfangen alles aufzuschreiben. Eine von den Ärztinnen in meinem Team kommt zu mir in die Box und fragt ob alles klar ist. Ich meine, dass ich soweit alles erledigt habe und ob ich ihr kurz vortragen darf, was ich bei den Rounds (=Visite) sagen würde. Die Ärtzin hört sich also meine kurze Zusammenfassung der Patientin an und auch meine weiteren Therapievorschläge. Sie meint das passt so. Also erstmal in den „Work Room“ (=Arztzimmer) auf einen Kaffee (dort warten wir immer alle, damit wir dann gesammelt zu den Rounds gehen können).
Wir fangen bei Bett 1 an. Das heißt ich bin als letzte dran und der andere Student (studiert in Edinburgh und hat hier grad Blockpraktikum) ist vor mir dran. Arschkarte…!
Denkste. Der Consultant wird weggerufen als Pascal vorstellen soll (der ist natürlich sehr erleichtert) und kommt genau dann zurück als ich präsentieren soll.
Also stelle ich vor. 85 jährige Patientin, kam als Notfall mit einem rupturierten AAA (abdominales Aortenaneurysma), nachdem die OP im März wegen pulmonaler Vorerkrankung nicht durchgeführt wurde. Sie hat die OP gut überstanden, ist seit 7 Uhr früh nicht mehr sediert und ist gerade am Aufwachen.
Weiters gehe ich auf die körperliche Untersuchung und die Beatmung ein, schlage meinen weiteren „course of treatment“ vor, genauso wie eine Empfehlung was die Schmerztherapie angeht.
Während den vollen 10 Minuten, in denen ich die volle Aufmerksamkeit von einem Consultant, 4 Ärzten, einem Clinical Pharmacologist, einem Studenten und der Schwester habe, schlägt mir das Herz bis zum Hals. Der Consultant stellt noch ein paar Fragen, die dazu dienen uns alle noch etwas zu teachen (das ist hier normal). Es kommt ein Sticker mit Unterschrift in die Akte, meine Vorschläge werden so umgesetzt, wie ich mir das gedacht habe. Keine Änderungen. Und ein „very well done!“ vom Consultant.
Nailed it! YES!

Montag, 16. August 2010

Famulatur Day 1

Nach ein paar Tagen Urlaub in London, beginnt der Ernst des Medizinerlebens wieder… Die Famulatur geht los. Irgendwie hält sich meine Begeisterung etwas in Grenzen. Ich hätte mehr Lust auf Reisen, Sightseeing, einfach Spaß und entspannen. Aber was solls! Cogito ergo sum! Und mit dem Motto springe ich morgens aus dem Bett (naja… so in etwa…). Ich muss netterweise erst um 9 im Dekanat sein und meine Unterlagen abholen und treffe „meinen“ Consultant um 10. Vorsichtshalber mache ich mich viel zu früh auf den Weg, weil mir das Bussystem doch etwas suspekt ist. Aber glücklicherweise klappt alles ganz gut und ich bin 20 Minuten zu früh da. Nachdem Miss Miller aber erst um 9 anfängt zu arbeiten, bedeutet das erstmal warten. Ich scheine nicht die einzige zu sein, denn mit mir wartet noch jemand vor der Tür.
Nachdem es ja doch etwas doof ist, sich nur gegenseitig zu mustern, fängt man an zu reden. Wie es sich herausstellt ist Lydia (so heißt meine Mitwartende) Famulatin in der Orthopädie und studiert in Jena. Was für ein Zufall.
Nach etwas Smalltalk ist es dann auch endlich 9 und wir können rein. Juhu, ich treffe Maureen endlich in persona (sie ist die zuständige für alle „elective students“ und ich hab mit ihr fast ein Jahr lang regelmäßig gemailt, um alles zu organisieren. Die Frau ist echt auf zack!).
Ich bekomme einen Studentenausweis, einen Zugang für die Unibib und den PC-Raum, kann den Unisport minutzen und auch sonst alle Privilegien genießen. Ich bin also bis Ende September offiziell Studentin der University of Edinburgh. Auch gut.
Da die ganzen Formalitäten innerhalb von 5 Minuten geklärt sind, bin ich natürlich viel zu früh dran. Die Zeit nutze ich erstmal um mir was zum Essen zu besorgen und meine Station zu finden. Trotzdem bin ich 15 min zu früh da. Nach 10 min warten nimmt sich ein Arzt meiner an, der mir erklärt, dass „mein“ Arzt im OP ist und mich ins Arztzimmer bringt. Dort nimmt mich einfach ein anderer Consultant unter seine Fittiche und zeigt mir die Station, erklärt mir alles ein bisschen (ganz wichtig: „wir sitzen viel im Arztzimmer und trinken Kaffee“) und fragt mich etwas aus. Das übliche: wo kommst du her, was machst du, warst du schon auf dem Fringe?
Oh, das beste vergesse ich ja fast!! Ich hatte im Vorfeld ja echt Angst vor dem ungemütlichen Dresscode („Smart“, bedeutet: Rock/elegante Hose, keine High Heels, Bluse). Wie es sich herausstellt, ist es auf der ICU doch anders: Scrubs und bequeme Schuhe wie man mag! Strike. Jeans und Campers ich komme!!
Ansonsten ist mein erster Tag recht unspektakulär. Ich stelle mich vor, fühle mich fehl am Platz, schaue bei einer Tracheotomie zu (zum 20. Mal. Ich will selber… aber das halte ich für unrealistisch) und, und, und. Etwas wenig Praxis für meinen Geschmack, aber es ist ja nur Tag 1.
Außerdem gibt es fixe Tachingsessions und wenn es was Interessantes gibt, dann sagen einem gleich 3 Leute, dass es was zu sehen gibt. Großes plus. Und das Team ist generell echt nett. Schwestern und Ärzte und nichts mit Zickereien! Schöne Abwechslung!
Um 4 fragt mein Consultant „Have you been to the Fringe yet?“ Und als ich verneine, werde ich wehement zum Spaßhaben verschickt. Hat man das schonmal erlebt? Mich solls nicht stören. Deshalb: auf in die Stadt!

Montag, 17. August 2009

Mal wieder ein Tag in der Notaufnahme

Es ist Sommer, das Semester ist gerade so vorbei und ich habe nichts besseres zu tun als in der Notaufnahme rumzugammeln. Moment wird sich jetzt der Leser denken, hat sie nicht diverse Blogeinträge darauf verschwendet zu erzählen wie toll und genial die Notaufnahme ist? Vollkommen korrekt. Das Problem dabei: andere Stadt, kleinere Klinik und zu schönes Wetter um sich irgendwie krank zu fühlen oder sonstigen Mist zu bauen. Ergo erwarte ich mir einen langweiligen Tag. Wenn diese 12 Stunden nicht bedeuten würden, dass ich im Winter 3 mal mittwochs frei haben werde, dann würde ich mich mit einem Roman in irgendeinen Park verkrümeln. Nun ja. In weiser Voraussicht, habe ich eine gute Freundin davon überzeugt ihren Ambutag mit mir dort zu machen, sodass bei akutem Anfall von Langeweile wenigstens der Ausweg Kaffee trinken besteht (diesen Ausweg gibt es im Krankenhaus natürlich immer, aber allein ist das ja langweilig). Der Tag scheint zu halten was er verspricht. Erstmal halb tot aus dem Bett gekrabbelt (ich brauche Urlaub), die Sonne strahlt schon um viertel vor 8 wunderbar (als wolle sie sagen „Ätsch du hockst jetzt den ganzen Tag drin!“) vom Himmel herunter. Kurz nach acht bin ich wie verabredet an der Klinik und wir machen uns auf den Weg nach drin. Ein Arzt (hat es offensichtlich noch nicht von der Nachtschicht nach Hause geschafft...) begrüßt uns mit einem hektischen „Ich kann euch nicht weiterhelfen – was wollt ihr?“. Auf den Hinweis hin „Wir sind Studenten“ werden wir in das Kabuff von Arztzimmer gelassen, wo uns schon der erste Schrecken des Tages erwartet: eine andere Studentin. Aber nicht irgendeine Studentin, sondern der Horror schlechthin: praktisch unbegabte Streberstudentin und von der ersten Minute an anstrengend. Der Versuch sich zu tarnen scheitert kläglich, denn ihr „Ich will so schnell wie möglich hier raus, wann wollt ihr gehen“ ist absolut unglaubwürdig. Bei meiner Antwort „Um 5, 9 Stunden müssen reichen“, rümpft sie die Nase. Ertappt!
However, ich beschließe mir von ihr nicht die Laune verderben zu lassen. Irgendwann um viertel vor 9 verirrt sich ein Arzt ins Kabuff (ungefähr 5 Minuten bevor wir drei dazu bereit waren einen der Spinde aufzubrechen um diesen gottverdammten fiepsenden Piepser zu zerstören).
Er stellt uns vor die Wahl: Chefarztvisite oder in der Notaufnahme rumwarten. Ich nehme – in einem Anflug von absoluter Güte – die Chefarztvisite. Ich kannte besagten Chefarzt schon aus meinem Blockpraktikum. Ein Horror für jeden Studenten, der morgens 3 Tassen Kaffe und mindestens 3 Stunden wach sein benötigt um einigermaßen zurechnungsfähig zu sein: er stellt Fragen ohne Ende, wünscht, dass man ihm die Sachen vom Verbandswagen reicht bevor er danach gefragt hat und schwebt - wie jeder Chefarzt – auf einer Wolke von Sterilität. Kurz gesagt: ich muss kurzzeitig geistig vollkommen umnachtet gewesen sein... . Aber – es ist kaum zu glauben – er stellt kaum Fragen (und diese sind beantwortbar), Der Verbandswechsel geht schnell und problemlos über die Bühne und ich muss nur einen Zugang legen. Nach einer Tasse Kaffe, O-Saft und einer Banane (ernsthaft: der Arzt mit dem ich mitgelaufen bin verdient dafür den Orden für den Helden des Tages), schauen wir uns noch einen Patienten an (Fazit: muss im OP revidiert werden), laufen illegalerweise 5 durch abgesperrte Bereiche und dann geht es zurück in die Notaufnahme. Und da erwartet mich: Studentin Nummer 4. Ihrerseits Tussi... ich frage mich ernsthaft warum die dort eine Famulatur macht. However, es ist Zeit für die erste Ratschpause – Streberchen lässt sich nicht abwimmeln. Durch absolut kryptische Gespräche und der Anweisung von einer Schwester Blut abzunehmen lässt sie sich doch noch abwimmeln. Ein Glück. Ich habe definitiv ein zu großes Schlafdefizit um die ganze Zeit nett zu ihr zu sein.
Ein neuer „Spezialautrag“ für die eine Freundin und mich: geht einen Zugang legen. Klingt einfach, ist aber kompliziert. Der Patient ist Araber (wie ich festgestellt hab eine äußerst schmerzempfindliche Gattung Mensch...) und versteht kaum Englisch. Na herrlich. Da ich diejenige von uns beiden bin die besser Zugänge legen kann, soll ich ran. Ich staue und taste ne einigermaßen brauchbare Vene. Der Patient fängt schon an zu stöhnen und das Gesicht zu verziehen als er die Nadel sieht. (Verflixt und ich hatte schon gehofft, dass auf ihn das Klischee nicht zutrifft...). Damit nicht genug. Ihm passt die Vene die ich mir ausgesucht habe nicht – als würde er etwas davon verstehen. Naja. Er zeigt mir, wo er die Nadel gern platziert hätte und ignoriert meine Aussage, dass das Rinnsal an seinem Arm nix taugen wird. Er besteht darauf. Ich steche rein (er wollte es ja nicht anders...!) und der Zugang sitzt natürlich nicht. Was für eine Überraschung aber auch. Ich punktiere (trotz Protesten) die Vene die ich von Anfang an haben wollte und die Kanüle sitzt. Dem Patienten passt das natürlich gar nicht, aber damit soll sich jemand anders rumschlagen. Not my job.
Zurück in der Notaufnahme: die beiden anderen gehen mit dem Arzt Zugänge legen und Patienten auf Station anschauen. Zeit für ein ausgedehntes Pläuschchen über Gott und die Welt. Irgendwann haben wir Hunger, beschließen aber auf die anderen zu warten (A. ist echt zu nett, ich wäre gegangen). Als sie nach einer dreiviertel Stunde immer noch nicht da sind gehen wir dann doch ins krankenhauseigene Kaffee um uns was zum Essen zu holen. Da stoßen (natürlich...) Streberchen und Tussi zu uns... . Nach ner gemütlichen Mittagspause (unser Arzt stößt auch dazu) geht es weiter. Ein besoffener Patient mit Verdacht auf Os metacarpale 1 Fraktur will gesehen werden. Wir untersuchen. Unfallmechanismus unbekannt (er war zu besoffen um sich daran zu erinnern), Schmerzstatus nicht sicher erhebbar (er war zu besoffen um sich daran zu erinnern, „aber jetzt tuts schon weh...“). Ab damit ins Röntgen.
Nächster Patient, auch betrunken. Die Fahne weht einem dermaßen entgegen, dass man er selbst aus 5 Metern Entfernung noch über der Promillegrenze war. Seine Geschichte: laut Bericht hat er sich bei ner Schlägerei an einem Bierglas geschnitten, laut eigener Aussage hat er in einen Bierkrug gehaun, der zerbrochen ist und ihn dabei 2 Strecksehnen durchtrennt hat. Mit dem RTW ist er um 4 Uhr früh in eine andere Klinik in der Nähe von München gekommen und wurde dort notdürftig versorgt. Der Arm wurde vorsorglich eingegipst und der Patient hat das Krankenhaus gegen Revers verlassen. Ein normaler Mensch würde nun nach Hause gehen, unser Patient ist wieder zurück zur Party und hat dort gefeiert und getrunken bis um halb 7 Uhr früh. Dann ist er nach Hause, hat seinen Rausch hm... ausgeschlafen wäre übertrieben..., irgendsowas in der Richtung halt und wurde dann von Mama zu uns in die Notaufnahme geschleppt um ein handchirurgisches Konsil zu bekommen.
Als nächstes hatten wir die klassische Oma mit Oberschenkelhalsfraktur (Oma Käthe läst grüßen ^^) und dann war wieder Langeweile angesagt.
Zwischendurch wurde es noch mal ganz witzig: eine Südkoreanerin wurde nach einem Fahrradsturz zu uns gebracht. A. und ich sollen sie aufnehmen. Herrlich. Wir versuchen ne vernüftige Anamnese in Englisch zu machen, was aber leider an den Sprachkenntnissen der Patientin scheitert. Es endet darin, dass wir alles was wir wissen wollen pantomimisch darstellen... Das hätte man filmen sollen – definitiv die witzigste Anamnese meines Lebens.
Nun ja... dann gings erstmal weiter mit LANGEWEILE. A. und ich haben erstmal ne Runde geratscht (uns gehen die Themen zum Glück nicht so schnell aus). Plötzlich wird unser Gespräch von einem hysteischen Klingeln unterbrochen. Das rote Telefon! (für die Unwissenden: das „rote Telefon“ nennt sich auch Katastrophentelefon und klingelt dann wenn Patienten angeliefert werden, die in den Schockraum müssen, wenn es einen Massenanfall an Verletzten (MANV) gibt oder irgenwas anderes gravierendes passiert ist). In unserem Fall war es ein Autounfall. Eine 58-jährige Frau hat ein Stoppschild übersehen, ist mit 2 Autos kollidiert und hat sich mehrmals überschlagen. Die Frau wird als ansprechbar und stabil gemeldet, Wirbelsäulentrauma nicht auszuschließen (das heißt so viel wie: Patientin ist wach und redet, atmet ohne Hilfe und die Funktion des Herz-Kreislauf-System ist ebenfalls intakt; durch den Unfallmechanismus kann es aber zu Verletzungen von inneren Organen, Lunge oder Wirbelsäule (die interessieren uns erstmal am meisten, so ein gebrochenes Bein tut zwar weh, bringt einen aber erstmal nicht um). Es wird uns angekündigt, dass die Patientin in 20 Minuten mit dem Helikopter bei uns ankommen wird. Es geht also alles Schlag auf Schlag: der Schockraum wird vorbereitet, das Team findet sich zusammen (1 Chirurg, 1 Anästhesist, 1 Radiologe, 2 Pflegekräfte) und rüstet sich mit Röntgenschürzen aus. Es wird besprochen was bisher über die Patientin bekannt ist und das weitere Vorgehen geplant (ist die Patientin schockig (= sehr niedriger Blutdruck und sehr scheller Puls) bleibt man erstmal im Schockraum und stabilisiert sie, ist sie soweit stabil (so was kann sich in sekundenschnelle ändern, deshalb verlassen wir uns nicht auf die Angaben die wir per Telefon bekommen haben) fahren wir gleich ins CT und führen die bildgebende Diagnostik durch und sehen dann weiter). Dann geht es nach draußen. Das Team und wir Studis warten (angenehmerweise in der Sonne) auf den Helikopter, der auch wenige Minuten später seinen doch ziemlich beeindruckenden Auftritt hat. Eine millimetergenaue Landung später fahren zwei Schwestern den Patienten zu uns. Es folgen der Heli-Arzt plus Assistenten. Im Schockraum erfolgt für alle hörbar die Übergabe: die Patientin war kurzzeitig bewusstlos und gibt an auf einem Auge weniger zu sehen (Hirnblutung? Gehirnerschütterung? Schädelbruch?), ist aber seitdem stabil und wach, kommuniziert sinnvoll, GCS 14. Die Stimmung im Raum lockert sich merklich auf; es wird gewitzelt und gelacht. Soweit, sogut. Wie vorher besprochen fahren wir gleich ins CT für die Bildgebung. Während die Patientin gelagert wird untersuchen Chirurg und Anästhesist die Frau kurz.
Dann heißt es: ab in den Überwahungsraum, das CT startet. Aufgrund des Unfallhergangs wird ein GanzkörperCT gefahren. Schon bei der schnellen Durchsicht wird klar: der Patienin ist nichts schlimmeres passiert. Bei einem genaueren Blick zeigt sich eine Orbitaboden-Fraktur (das ist der Boden der Augenhöhle). Aber das wars – bis auf einige kleinere Schnittwunden - schon mit den Verletzungen. Man kann wirklich nur sagen: Glück im Unglück, es hätte auch ganz anders sein können.
Kaum sind wir wieder in der Notaufnahme klingelt das rote Telefon schon wieder. Ein Suizidversuch. Ein Mann hat versucht sich mit Messerstichen in Brust und Bauch selbst zu töten. Er soll etwas verwirrt wirken und soweit stabil sein. Wieder das gleiche Procedere wie vorhin: ab in den Schockraum, besprechen was man weiß, man bereitet sich in diesem Fall auf etwas schlimmeres vor. Die Stimmung ist konzentriert und gespannt. Der Patient wird gebracht, er ist blass und klatschweißig. Erstmal wird er auf die Liege im Schockraum umgelagert und es wird eine sog. FAST durchgeführt (focused assessment with sonography in trauma; es wird innerhalb von wenigen Sekunden überprüft ob sich freie Flüssigkeit (also Blut) im Bauch oder im Herzbeutel befindet). Das scheint nicht der Fall zu sein, aber der Patient ist schockig. Zwar nur leicht, aber es ist Vorsicht geboten. Man entschließt sich ihn erstmal doch ins CT zu fahren und ein CT von Thorax und Abdomen zu machen. Schon in der Übersichtsaufnahme sieht man: kein Pneumothorax (das ist eine zusammengefallene Lunge). Sehr gut. In den Schichtbildern zeigt sich: Herz und Lunge sind unverletzt und auch im Abdomen scheint er nichts gravierendes getroffen zu haben. Es ist aber etwas Blut um die Leber Herum zu sehen und es wird beschlossen eine explorative Laparoskopie durchzuführen. Es wird eine Assistenz im OP gebraucht und A. und ich melden uns. Wir gehen nach oben und schleusen uns ein (bevor man in den OP darf muss man sich Kleidung anziehen, die für diesen Bereich ist, andere Schuhe, Haube und Mundschutz; Uhren und Schmuck sind tabu, alle Wertgegenstände werden in einem Spind gelegt).
So kommen wir im OP an. Die Anästhesistin leitet gerade die Narkose ein. Der Chirurg stößt wenig später zu uns. Ich werde für die Assistenz ausgewählt weil ich schon steril im OP war und nähen kann. Also waschen wir uns, werden steril angezogen und ab geht die Post. Glücklicherweise stellen wir fest, dass er zwar seine Leber angeritzt hat, aber es eine sehr oberflächliche Verletzung ist, die nicht weiter versorgt werden muss. Die ganze Prozedur ist nach 20 Minuten vorbei und Erleichterung macht sich breit. Ich soll die Schnitte die nötig waren um die Werkzeuge und die Camera zu positionieren zunähen. Juhu. Ich bin da leider noch nicht besonders geübt und deshalb etwas langsam, aber es wird. Währenddessen nimmt der Chirurg die Wunde im Thorax genauer unter die Lupe. Er steckt das stumpfe Ende einer Pinzette in die Wunde im Thorax. „Ich glaub da pulsiert was“, meint er und nimmt meine Hand, schaut mal eben so auf meine Finder und sagt „dein kleiner Finger sollte da reinpassen“ und schiebt meinen kleiner Finger in das Loch. Erstmal fühle ich nur die Haut, dann geht es an einer Rippe vorbei immer weiter in die Tiefe. Irgendwie krass. Als mein Finger bis zum Anschlag im Thorax steckt fühle ich das erwähnte „Pulsieren“ auch. Es ist das Herz das gegen meinen kleinen Finger schlägt. Einfach nur abgefahren und total faszinierend (Nicht-Mediziner mögen das eventuell etwas makaber finden). Nach einigen Sekunden (die mir aber wesentlich länger vorkommen) zieht er meinen Finger wieder raus und meint nur „cool, was?“ und ich kann nur zustimmen. Weiter geht es mit zunähen. Der Chirurg lässt mich machen und diktiert in Zwischenzeit draußen seinen OP-Bericht. Ich sags euch, es ist echt schlimm wenn man als einzige am OP-Tisch steht und alle anderen um einen herum drauf warten, dass man endlich fertig ist mit nähen. Nach einer gefühlten Ewigkeit bin ich fertig und es ist vorbei. Wir gehen in die Umkleide, schleusen aus und sind zurück in der Notaufnahme (wir haben definitiv den genialeren Fall als Tussi und Streberlein erwischt. YES!) und da es schon halb 8 ist beschließen wir, dass es nun wirklich genug ist und wir nach Hause wollen. Also holen wir unsere Logbücher und lassen die Ärzte unterschreiben, bedanken uns für den genialen Tag und gehen total gehyped nach Hause.

Montag, 30. März 2009

Meine Nachtschicht – Klappe die Erste


Meine erste Nachtschicht hatte ich geplant und bis deshalb brav um 8 Uhr zum Dienst erschienen (eine Stunde zu früh wie es sich herausstellte...). Die beiden Ärzte waren zu der Zeit mit ihren aktuellen Patienten gerade beschäftigt und nachdem ich keine Lust hatte Löcher in die Luft zu starren (und förmlich darum gebettelt habe, mit irgendwas beschäftigt zu werden) hieß es „geh doch mal zu diesem akuten Abdomen in Box 25“. Dort erwartete mich eine relativ junge, südamerikanische Patientin mit ihrem Lebensgefährten. Sie war definitiv sehr schmerzgeplagt und versuchte mir (erstmal total durcheinander) was ihr denn fehlt. Als ich begriffen hatte, dass Englisch wohl die Sprache war, mit der die Verständigung wohl am einfachsten wäre, habe ich einfach die Anamnese und Untersuchung in Englisch gemacht (ich sag’s euch... ich war in der Situation echt froh über meinen Medical English Kurs...). Sie berichtete mir von stechenden Schmerzen, die von epigastrisch in den rechten Unterbauch gewandert sind, Übelkeit mit Erbrechen und Fieber. Die Symptomatik lässt einen ja schon mal aufhorchen und in Richtung Appendizitis denken (wobei man natürlich alle anderen Ursachen für ein akutes Abdomen (Darmverschluss, Mesenterialinfarkt, Pyelonephritis (das ist zwar keine Ursache für ein akutes Abdomen, kann aber durchaus ne ähnliche Symptomatik verursachen). Bei einem akuten Abdomen sollte man natürlich diese Untersuchung besonders gründlich machen (und die rektale Untersuchung auch nicht vergessen...). Nachdem ich die Untersuchung beendet hatte (jedes Appendizitiszeichen war positiv), ging ich also zu meinem betreuenden Arzt, berichtete ihm von der Patientin und äußerte, dass ich stark auf eine Appendizitis tippe. Er meinte mit einem Augenzwinkern, dass er das auch denke. Zur Absicherung wurde aber erstmal noch ein Ultraschall gemacht (wo leider keine Kokkade zu sehen war... (das heißt: der eindeutige Ultraschallbefund, dass eine Blinddarmentzündung vorliegt hat gefehlt...). Also ordneten wir erstmal ein chirurgisches Konsil an und wandten und dem nächsten Patienten zu.
Das waren dann solche Banalitäten wie ein Herr der sich Herzrhythmusstörungen eingebildet hatte (wörtlich eingebildet) und sich dachte er lässt das „mal eben“ in der Notaufnahme abklären, weil er erst in 3 Wochen nen Termin beim Kardiologen bekommen hat... Na toll. Schrecklich unsympathischer Mensch (den ich erstmal netterweise Pieksen durfte ^^). Nun ja, dann hab ich Blut abgenommen, überblicksmäßig nach den Beschwerden gefragt (Aussage nach 5 Minuten zutexten: keine), ein EKG geschrieben und bin dann wieder abgedüst. Er war natürlich die ganze Zeit wutentbrannt, dass er 6 Stunden warten musste, weil er doch PRIVATPATIENT sei... Ich hab ihm dann erklärt, dass es in der Notaufnahme nur dringende und weniger dringende Fälle gibt und der Status Privatpatient eigentlich keinen interessiert. Das war natürlich nicht wirklich förderlich um ihn ruhig zu stellen (in dem Moment hab ich mir wirklich eine Tavor für ihn gewünscht...). Ich hab ihn dann mal ziemlich direkt gefragt ob er denkt wir drehen hier nur Däumchen, oder ob er evtl. die 15 Notarzttransporte mitbekommen hat, die in der Zeit gekommen sind. Da hat es dann wohl irgendwie doch Klick gemacht und er hat wenigstens die Klappe gehalten.
Eine weitere „Banalität“ (wenigstens für Notfallmediziner) war eine junge Frau, die äußerst besorgt über einen „Knubbel“ im äußeren oberen Quadranten ihrer Brust bemerkt hatte. Selbstverständlich kann so was tatsächlich etwas Gravierendes sein (für die Unwissenden: im rechten oberen Quadranten der Brust treten die meisten Carcinome in der Brust auf), aber es ist insofern eine Banalität, weil es sie nicht in den nächsten 24 umbringen wird. Wir konnten einwach wirklich nichts tun, als der Patientin zu raten, dass sie am Montag zu ihrem Gynäkologen gehen solle, mit den Brief den wir ihr mitgegeben haben und sich dort genau untersuchen lassen sollte.
Zurück zu unserer Appendizitis-Patientin. Das Labor war inzwischen da und passte auch zu unserem Verdacht, wenn da nicht die Chirurgen wären. Die kamen natürlich zu einem Konsil vorbei (auch noch zu zweit!!), haben die Patientin untersucht und beide waren der festen Überzeugung: „das ist doch nie ein Blinddarm!“. Also haben wir sie zu den Gynäkologen geschickt damit die sie auch noch mal untersuchen (Ovarialzysten können auch solche Symptome auslösen). Die Frau kam auch postwendend wieder zurück, mit der Aussage: gynäkologisch o.p.B.
In Zwischenzeit war ich bei einer neuen Patientin. Sehr nette Dame Mitte 50, die richtig krank aussah, auch über leicht reduzierten AZ klagte und Bauchschmerzen hatte. Erstmal wieder Anamnese, Untersuchung, Labor. Bis auf einige Vorerkrankungen, war bei der eigentlich alles paletti, bis eben auf diese Bauchschmerzen. Dann kam das Labor, das uns erstmal vom Hocker gehaut hat. CRP (= C-reaktives Protein, ein Parameter, der bei akuten entzündlichen Proessen erhöht ist) über 300 mg/l (normal ist bis 5 mg/l), Leukozyten stark erhöht (das sind die Abwehrzellen in unserem Blut), aber keine Idee was der Frau fehlen könnte. Also erstmal Röntgen Thorax um eine Pneumonie auszuschließen und diverse andere Untersuchungen um herauszufinden was ihr fehlen könnte, aber da war NICHTS. Es war wirklich zum Mäuse melken. Erstmal haben wir die aber zur Klärung stationär aufgenommen.
Und schon kam der nächste Notfall. Noch ein akutes Abdomen. Eine Ärztin. Super (Ärzte sind meist schreckliche Patienten, wie sich später noch zeigen wird). Erstmal schnell gefragt was ihr fehlt, wie sich die Beschwerden äußern, Labor abgenommen, und schnell untersucht. Verdacht auf Ileus (=Darmverschluss). Chirurgen waren dank unserer Apendizitispatientin mal wieder da („NEIN, das ist NIEEEEEE eine Appendizitis... Ihr Internisten immer“ *spöttisches Augenrollen*), die haben sich die Dame auch gleich mal angeschaut und über die Radiologie gleich mit in den OP genommen (es war tatsächlich ein Darmverschluss).
In der Zwischenzeit kamen die ersten C2ler (=zumeist obdachlose Alkoholiker, die von Passanten gefunden worden sind... (manchmal allerdings auch junge Leute, die einfach viel zu viel gesoffen haben), die nach kurzer Prüfung der wichtigsten Vitalparameter in ner Ecke (in wahnsinnig bequemer stabiler Seitenlage mit Nierenschale vor der Nase) ihren Rausch ausschlafen...).
Inzwischen war es nach Mitternacht und es wurde etwas ruhiger. Ruhiger bedeutet aber leider auch, dass man sich um Fälle kümmern muss, die man etwas vor sich hergeschoben hat. So zum Beispiel auch Herr unleserlicher Name mit seinen Vagabundenbeinen. Allein die Beschreibung Vagabundenbeine war natürlich schon sehr prickelnd, weil man sich aus der Diagnose schon mal herleiten konnte, wie der Patient denn ausschauen würde... Nun ja... es ging halt irgendwann doch nicht mehr anders, also: Handschuhe und Schürze angezogen und ab zum Patienten. Was wir initial als einen weiteren C2ler abgetan hatten (der Herr war Stammkunde...), stellte sich dann leider als was ganz anderes – und leider auch ernsthaftes – heraus. Erstmal das Labor ansehen. Auf den ersten Blick relativ unauffällig, bis der Blick dann auf die Thrombozyten fällt. Die waren nämlich praktisch nicht vorhanden. Lustigerweise hatte der Patient kein einziges Anzeichen das darauf hinweisen würde. Dass er im Krankenhaus blieben muss, das war nun schon mal klar und seine Stauungsdermatits war plötzlich auch nicht mehr so wichtig. Wir haben zunächst die weitere Diagnostik eingeleitet und ihm ein Bett auf Station verschafft. Eine Woche später hab ich dem Herrn noch mal nachgespürt. Bisher noch keine fixe Diagnose, aber Untersuchung in jede Richtung. Die Schiene die nun gefahren wurde, war in Richtung Plasmozytom... Kurz: erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.
Währenddessen waren wir (mal wieder) bei der Appendizitis. Die schrie inzwischen trotz Schmerzcocktail beinahe vor Schmerzen und die Chirurgen willigten (endlich) ein „da mal reinzuschauen“.
Kaum waren wir einen halben Schritt aus der Box draußen, ging der nächste Trara los: die Polizei kam (3 kleine grüne Männchen an der Zahl) mit einem Krawallmacher in Handschellen. Er sollte wohl an der Reeperbahn verhaftet werden (warum auch immer... ich wills gar nicht wissen) und hat dann einen auf sterbenden Schwan gemacht. Deswegen: ab ins Krankenhaus mit ihm, damit er für gesund (und damit verhaftungstauglich ^^) erklärt werden konnte. Dummerweise war der gute Mann dermaßen aggressiv, dass die zu dritt kaum gegen den ankamen. Ergo: ab in die Gummizelle mit ihm, die Polizisten vor der Gummizelle postieren und mit der Arbeit weitermachen (wir sind ja schließlich alle nicht wild auf ein blaues Auge). Aber die Show war gut ;)
Zwischenzeitlich kam ein höchst charmanter Patient (für alle die das jetzt nicht verstanden haben: DAS IST IRONISCH GEMEINT!!). Laut seiner Eigendiagnose (es war ein Pädiater) hatte er ein akutes Abdomen... laut unserer Diagnose, der Labor, der körperlichen Untersuchung und der Sono nicht... Die richtige Diagnose: Nephrolithiasis (=Nierensteine. Verdammt schmerzhaft und können durch den ausstrahlenden Scherz durchaus auch ne ähnliche Symptomatik wie ein akutes Abdomen machen). Nun ja. der gute Mann wollte das natürlich nicht glauben. Aber er wollte ja mehr nicht, z.B. von einer Schwester oder einer Famulantin Blut abgenommen bekommen. Das musste schon der Facharzt sein (mich hat es ja gewundert, dass er nicht verlangt hat die Chefärztin aus dem Bett zu klingeln). Der Facharzt hat netterweise 3 Versuche gebraucht um ne Vene zu treffen. Wie auch immer: Urologisches Konsil (die haben unseren Verdacht bestätigt, der Patient wollte immer noch sein akutes Abdomen...) und ab mit der Nervensäge (samt Ehefrau) auf Station.
Inzwischen war einer der „das ist nie im Leben eine Appendizitis“-Chirurgen wieder da. Ich konnte mir die Neugier natürlich nicht verkneifen und fragte nach. „Und was war es denn dann, bei Frau xy?“. Ein höchst pikierter Blick vom Chirurgen und die sehr säuerliche Aussage „ne Appendizitis“. Am liebsten hätte ich nen kleinen „in your face“-Tanz à la Scrubs aufgeführt, aber hab es mir dann doch verkniffen. (ich meine wie lustig ist das denn? eine famulantin und ein Anästhesist diagnostizieren besser als ein Chirurg... das sagt doch alles, oder?)
Irgendwann wurde es dann doch etwas ruhiger. Es kamen noch ein paar relativ unspektakuläre Fälle rein (wie z.B. eine Exsikkose), aber sonst war Ruhe im Karton.
Um 6 Uhr früh gabs dann wieder was für mich zu tun. Blut abnehmen für diverse Laborkontrollen... Ich sags euch, so eine Ballung von schlechten Venen hab ich selten gesehen. Bei der einen musste ich so lang stauen bis Irgendwas zum Vorschein kam, dass ein Kalium von 10 (für die Amateure: wenn die wirklich n Kalium von 10 gehabt hätte, dann wäre die vermutlich im Keller und nicht in der Notaufnahme gelegen...)dabei rauskam (das Blut ließ sich netterweise auch nur tröpfchenweise abnehmen, das hat zum Resultat sicher auch noch beigetragen).
Nach der Aktion war der Frühdienst da und wir haben unsere Patienten an die übergeben. Um 8 Uhr früh war dann endlich Sense. Ich bin in Richtung Bus gelaufen und um 9 endlich total kaputt ins Bett gefallen. Aber geil war’s ;)

Samstag, 21. Februar 2009

3 Patienten – ein Symptom

Dienstag Mittag in der Notaufnahme. Drei Patientinnen kommen vorbei, das Symptom: Bauchschmerzen.

Patientin Nummer 1, 17 Jahre alt, Typus Vicky Pollard auf türkisch. Sie krümmt sich vor Schmerzen, während sie auf der Liege liegt. Bei der Anamnese finde ich heraus, dass sie seit nachts um 3 regelmäßig erbricht und Schmerzen im rechten Unterbauch hat. Bei der körperlichen Untersuchung ist sie nicht besonders kooperativ (Morbus bosporus ahoi), aber ich bekomme trotzdem, das heraus was ich rausbekommen will: positives Blumberg-Zeichen, McBurney und Lanz positiv (in nicht schlau bedeutet das: positive Zeichen, die auf das Vorhandensein einer Blinddarmentzündung hinweisen).
Frage auf eine mögliche Schwangerschaft wird von der Mutter vehement verneint (eine türkische Mutter von ihrer Tochter zu trennen, ist schwerer als nen Sack Flöhe hüten...). Aber nachdem man davon ausgeht, dass der Patient immer lügt, hab ich dann vorsichtshalber doch noch nen Schwangerschaftstest zu den Urinstix aufgeschrieben. Warum? Muss ja nicht der Blinddarm sein, könnte ja zum Beispiel auch eine ektope Schwangerschaft sein (= eine Schwangerschaft, die außerhalb vom Uterus stattfindet). An so was muss man natürlich auch denken. Der Test war dann übrigens negativ.
Wie auch immer. Zugang legen, Abdomen Labor anordnen, ab ins Ultraschall mit der jungen Dame. Ultraschall ist soweit zwar (noch) unauffällig, aber mein betreuender Arzt wünscht sich noch eine digitale rektale Untersuchung bei der Patientin. Ich versuche zwar ihn diskret darauf hinzuweisen, dass ich das noch nie gemacht habe, aber er meint nur: „Einmal ist immer das erste Mal“, erklärt mir kurz worauf ich achten soll und dann ab dafür. Tollerweise stehen die 4 Brüder der Patientin im Zimmer (allesamt mindestens 2 Köpfe größer und doppelt so breit wie ich...) denen ich erklären muss, dass sie mal „voll krass nach draußen verschwinden müssen“, weil ich noch ne Untersuchung bei ihrer Schwester machen muss. Bis die Herrschaften sich mal nach draußen bewegen braucht es natürlich einiges an Überzeugungskraft. Dass die Mutter danach immer noch im Zimmer war, muss ich doch nicht erwähen, oder? (ernsthaft: siamesische Zwillinge trennen ist ein Witz gegen die Frau...!). Die digitale rektale Untersuchung ist unauffällig, aber das Labor spricht klare Worte: Entzündungsparameter sind hoch. Ein chirurgisches Konsil wird angeordnet, der Herr kommt, schaut sich unsere Patientin an und bestätigt unseren Verdacht: Appendizitis (= Blinddarmentzündung). Die junger Frau wird noch am selben Tag operiert.

Patientin Nummer 2, 21 Jahre alt, ebenfalls türkischer Abstammung, aber bei weitem kultivierter (wenn ich das mal so sagen darf...). Liegt auf der Liege, ihr ist schlecht, sie hat Bauchkrämpfe und erbrochen. Nachdem sie morgens erbrochen hatte, ist sie umgekippt, hat sich den Kopf angeschlagen und laut der Mutter (ja, auch hier gibt es eine, allerdings ist die nur besorgt und nicht praktisch an die Tochter angenäht. Außerdem beteuert sie bei der Frage nach einer mögliche Schwangerschaft nicht, dass ihre Tochter noch Jungfrau sei...) gekrampft.
Gleiches Spiel. Anamnese (Bauchkrämpfe, Erbrechen, Durchfall, seit ca. 15 Stunden). Erstmal geht unser Verdacht auch in Richtung Appendizitis, dieser bestätigt sich aber nicht. Schwangerschaftstest ist negativ, das Labor sagt aber, das Mädchen ist krank. Außerdem sind das Umkippen und der Krampfanfall ein Grund zur Besorgnis. Meningismuszeichen sind negativ (as ist was gutes), der Neurologe, der zum Konsil hinzu gerufen wird findet bei der Untersuchung auch nichts auffälliges. Nachdem die wichtigsten Ursachen für ein akutes Abdomen ausgeschlossen sind und die Symptome passen wie die Faust aufs Auge, lautet die Diagnose: Norovirus.
Die junge Frau darf mit Buscopan und Vomex in der Tasche und der Empfehlung wiederzukommen, wenn sie noch einen Krampfanfall haben sollte, gehen.

Patientin Nummer 3, 54 Jahre alt, kommt ebenfalls mit Bauchschmerzen (aber ohne anhängliche oder weniger anhängliche Mutter). Sie hat die Schmerzen schon länger und die Befürchtung dass sie Krebs haben könnte. Erstmal beruhigen wir sie und erklären ihr, dass es viele Ursachen für Bauchschmerzen gibt. Dann Untersuchen wir sie. Nuchal fallen verhärtete, nicht druckverschiebliche Lymphknoten auf (für die die es nicht wissen (können): schlechtes Zeichen). Im Ultraschall ist nix konkretes als Ursache zu erkennen, aber toll ist das keineswegs. Weil uns die ganze Geschichte verdächtig vorkommt (und das Ultraschall keine Erleuchtung bringt) ordnen wir (neben dem Abdomen Labor) ein Ganzkörper-CT an. Die Laborwerte sind nicht so prickelnd, aber die Bilder sagen dann alles. Eine ganze Truppe Ärzte steht dann um den Bildschirm rum und ist erstmal fassungslos. Ihr könnt die Bilder zwar nicht sehen, aber ehrlich, das war nicht schön. Leber, Lymphknoten, wahrscheinlich auch das Pankreas (=Bauchspeicheldrüse) und Knochen: alles voll mit Tumoren. Echt heftig... Primarius ist vermutlich das Pankreas, aber das hilft der Frau auch nicht mehr viel, denn die einstimmige Meinung im Arztzimmer ist: da ist nicht mehr viel zu machen.
Sowas will der Patientin erstmal beigebracht werden. Krebs wird erstmal nicht wirklich in den Mund genommen, aber wir erklären ihr, dass wir in den Bildern einige Auffälligkeiten gesehen haben und dass wir sie deswegen zu den Onkologen verlegen werden, wo weitere Diagnostik gemacht werden muss um das ganze abzuklären. Auf die Frage hin ob es Krebs ist, lautet unsere Antwort: es ist sehr wahrscheinlich. Die Frau ist einigermaßen gefasst und erklärt uns, dass sie das schon befürchtet hat. Keine schöne Sache, wirklich nicht, aber wie es in der Notaufnahme leider ist: ein Patient ist abgeklärt und schon warten 5 neue, also muss man schnell weiter. Keine Zeit für großartige Tröstungsaktionen.

Da zeigt sich mal wieder: ein Symptom kann alles oder nichts bedeuten. Eine Diagnose kann wahnsinnig befriedigend sein, wenn dem Patienten geholfen werden kann, wenn aber nicht, dann nagt es doch an einem, besonders weil man mit ziemlicher Sicherheit sagen kann: wenn Patientin 3 früher zum Arzt gegangen wäre, dann hätte ihre Geschichte ganz anders enden können...