Mittwoch, 20. April 2011

20.04.2011: Los geht’s!

Spontantrip Episode 2! Es ist echt lustig wie sich auf dieser Reise das Reisen immer so zufällig ergibt. Erst die Mursi und jetzt dieser Trip. So perfekt kann es manchmal laufen.
Nach einem Vormittag zwischen packen, in der Stadt letzte Besorgungen machen und Mitbringsel besorgen, haben wir noch mit den anderen zu Mittag gegessen und sind dann zurück in unser Hotel um unser Gepäck zu holen.
Abgeholt wurden wir von zwei Bajajs und auf ging es zum Flughafen. Auf der Fahrt dorthin lieferten sich die Fahrer ein kleines Wettrennen, was für uns wirklich amüsant war.
Am Jimma Airport angekommen wurden wir zuerst mehrfach von Polizisten/Soldaten kontrolliert. Etwas mulmig war mir dabei, denn die waren alle mit Gewehren ausgestattet.
Wie auch immer, der Check-In war lustig. Zuerst zeigt man diesen Wisch aus dünnem Papier vor und man wird auf eine Liste eingetragen, dann wird das Gepäck auf eine Waage gestellt, die vermutlich aus den 50ern ist und gewogen. Danach reicht man seinen Koffer über einen Tisch an einen Mitarbeiter weiter, der fordert dass man alles aufschließt. Dann wird ohne Rücksicht auf Verluste alles durchwühlt. Sehr schön... Aber was soll man machen, es gibt kein Röntgengerät, das das Gepäck scannt. Nachdem das alles passiert ist und man seinen Koffer irgendwie wieder zugesperrt hat (wozu habe ich eigentlich ordentlich gepackt??) wird er auf einen Trolley verfrachtet und darf da warten.
Man selbst mach auch selbiges und setzt sich ins Freie. Das ist wirklich ganz schön, noch ein bisschen draußen zu sitzen, sich seine Schuhe putzen zu lassen und zu ratschen.
Die Gepäckwaage...

und die Gepäckaufbewahrung ^^
Ungefähr eine Stunde vor Abflug ging es zur Sicherheitskontrolle, die aus 2 Tischen und einem Metalldetektor besteht. Die Tasche wird komplett ausgeräumt und jedes einzelne technische Gerät muss an und ausgeschaltet werden. Sehr seltsam. Nachdem man durch den Metalldetektor ggangen ist wird man noch intensivst abgetastet, bevor man seine Sachen wieder abholen darf.
Ab dann hieß es nur noch auf das Flugzeug warten. Jimma ist nur ein Zwischenstopp den der Flug von Arba Minch nach Addis Abeba einlegt.
Als unser Flugzeug endlich da war (eine kleine Propellermaschine) und alle eingestiegen waren, konnte es auch gleich weitergehen. Wart ihr übrigens schon mal in einem Flugzeug mit freier Platzwahl? Ich kann das jetzt von mir behaupten.
Der Blick über Jimma war echt schön, aber auch relativ schnell wieder unter den Wolken verschwunden, aber eine halbe Stunde Wolken ansehen ist jetzt auch erträglich, denn dann setzten wir auch schon zum Landeanflug an und sahen Addis von oben,
Nachdem die üblichen Formalitäten erledigt waren und wir „unseren“ Taxifahrer Check angerufen hatten, war das nächste Ziel ein Hotel und dann etwas zu Essen zu finden. In Bole (ein Stadtviertel von Addis, das nahe am Flughafen ist) war nichts gutes und günstiges zu finden, so fiel unsere Wahl auf das Taitu Hotel. Das älteste Hotel in Addis ist recht zentral gelegen und preislich in Ordnung. Wir haben 300 ETB für einen Twin Room mit Bad gezahlt. Sauberkeit ist etwas grenzwertig, aber für ein oder zwei Nächte kann man damit schon leben. Großes Plus: es gibt gratis WLAN.
Um 7 wurden wir wieder abgeholt und in ein Restaurant gefahren. Wir alle hatten Lust endlich mal wieder etwas anderes zu essen als Injera und deshalb ging es zum Chinesen (China Bar & Restaurant). Man würde es bei diesem einladenden Namen nie denken, dass man hier gut essen kann, aber so ist es! Definitiv empfehlenswert.
Nach einem gemütlichen und leckeren Abendessen ging es zurück hat Hotel. Hauptbeschäftigung: skypen! Das erste Mal seit ich in Äthiopien bin Skype funktioniert und das musste ich selbstverständlich ausnutzen.
Wie auch immer, ganz zu spät darf es nicht mehr werden, denn unser Flug nach Gondar geht morgen um 7.30 Uhr und wir werden um 5.30 Uhr abgeholt.
Daher: Gute Nacht, nächster Bericht folgt aus Gondar!


Dienstag, 19. April 2011

19.04.2011: Überraschung!

Der Tag heute war wirklich anstrengend, weil ich mich mal wieder hinter SPSS geklemmt habe und Daten für das CBTP eingetippt habe. Ich war um halb 6 richtig kaputt, vor lauter Codes und und Fragebögen. Umso genüsslicher habe ich mich in einen der Sessel in der Staff Lounge gefläzt und angefangen ein wenig zu schreiben und mich auf Jana's und mein Geburtstagsessen mit den anderen gefreut.
Allerdings hatte ich Kohldampf ohne Ende und habe mir dann doch noch etwas zum Essen bestellt. Kaum hatte ich 2 Gabeln gegessen, kam Moritz total hektisch angerannt: „Komm mal schnell mit! Wir haben ein kurzfristiges Treffen für das CBTP. Alle Supervisor sind schon da und die Team Leader und so weiter. Die wollen entscheiden wann das Abschluss-Symposium stattfinden soll!“ „Hä???“ „Jetzt komm! Jana wartet auch schon!“
Hastig habe ich noch ein paar Happen in mich reingestopft, meinem Sesselnachbar Geld gegeben, meine Sachen gepackt und bin Moritz nachgerannt.
Jana war total angenervt („Warum müssen die Weißen da jetzt mitentscheiden???“) und war auch gerade dabei alles in ihren Rucksack zu stopfen. Moritz lief voraus und meinte nur ständig „jetzt beeilt euch mal!“ und schon war er im Stafflounge-Gebäude. Wir sind ihm also nach und durch die Tür, in der er verschwunden war.
„Hm, düster hier. Wo ist denn das Meeting?!“, dachte ich noch leicht irritiert, als plötzlich ein Raum voller Menschen anfing „Happy Birthday!“ zu singen.
Eine Überraschungsparty? Im Ernst?? Mit Geburtstagskuchen und Kerzen und Essen und allem drum und dran. Das war echt wie im Film!
Die Überraschung war echt gelungen! Wir hatten beide nicht die leiseste Ahnung und waren vollkommen perplex.
Die Party war auch wirklich lustig und hat Spaß gemacht. Essen und tanzen zu Musik die ich zuletzt vor etwa 10 Jahren gehört habe (das Highlight: Backstreet Boys – Backstreet's back). Einfach zum schießen!
Die weiteren Details (betrunkene Äthiopien sind wirklich witzig) erspare ich euch bzw. erzähle ich euch, wenn man sich sieht. Kurz gesagt war es einfach eine wahnsinnig schöne Überraschung und ein gelungener Abend.
Nochmal ein riesiges Dankeschön an alle Beteiligten!

Montag, 18. April 2011

18.04.2011: Geburtstag

Wieder einmal bin ich an meinem Geburtstag im Ausland. So langsam wird es wirklich zur Gewohnheit.
Eigentlich hatte ich ja nicht so richtig Lust auf meinen Geburtstag, aber der Tag war echt gut!
Zum einen hat meine CBTP-Gruppe beschlossen, dass sie auf ihre Examen lernen wollen und deshalb habe ich heute frei und zum anderen haben sich heute so einige Pläne ergeben.
Jana und ich sind nämlich dank des freien Tages spontan in die Stadt gefahren, um uns am Ethiopian Airlines-Schalter nach Flügen zu erkundigen. Ja, zugegebenermaßen haben wir einen winzigen Lagerkoller momentan. Außerdem ist die Ausicht, dass hier in Jimma über die Osterfeiertage nichts im CBTP passieren wird, ein wenig deprimierend. Hier rumsitzen und Däumchen drehen während wir reisen könnten, ist eine etwas deprimierende Vorstellung!
Deshalb also zum Ethiopian Airlines Büro und nach Flügen fragen. Nur zur Information, damit wir am Nachmittag vielleicht mal mit den anderen reden können ob wir vielleicht wirklich was machen.
Aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt!
Unsere erste Reiseroute (Jimma – Addis – Bahir Dar und zurück) war schon ausgebucht, eine andere Route (Ziel: Gondar) für den gewünschten Tag auch nicht mehr zu bekommen. Wir Schlauköpfe wollen ja auch genau über Ostern verreisen. Dann der Durchbruch! Es gäbe die Option:

20.04.2011 Jimma – Addis Abeba
21.04.2011 Addis Abeba – Gondar
zwischendurch mit dem Bus von Gondar nach Bahir Dar (da wollten wir eh auch hin!)
24.04.2011 Bahir Dar – Addis Abeba
25.04.2011 Addis Abeba – Jimma

Klingt super!! Das müssen wir nachmittags gleich den anderen erzählen!
ABER... es gibt nur noch 6 Plätze. Das hat die Entscheidungsfindung ganz erheblich beschleunigt. Zuerst haben wir Moritz und Daniel angerufen, dass die gleich bei uns vorbei schauen sollen (sie waren eh gerade unterwegs in die Stadt) und dann ging die Grübelei los. Können wir das wirklich machen? Was kostet es (alles zusammen 2940 ETB)? Was sagen unsere Gruppen?
So viele Fragen!
Als erstes haben wir alle unsere Team Leader angerufen und mit denen das Programm der Woche besprochen. Als es offensichtlich war, dass am Wochenende nichts laufen wird, war die Entscheidung auch schon fast getroffen.
Als die Bezahlung auch geregelt und sichergestellt war, dass alle Flüge zur Verfügung stehen, war klar: wir fahren!
Wie guuuuut! Ihr könnt euch das ja nicht vorstellen, wie sehr ich mich gefreut habe! Ich bin seit ich weiß, dass ich für den Austausch angenommen wurde, davon ausgegangen, dass ich nicht reisen kann, weil die Zeit zu knapp sein wird. Und jetzt klappt es plötzlich doch und auch noch an meinem Geburtstag! Ich hätte Purzelbäume schlagen können! Einfach der Wahnsinn!
Alles weitere war schnell geregelt. Die Supervisor wurden auch noch um Erlaubnis gefragt (wir wollen den Austausch ja nicht gefährden, es kommen ja auch noch Leute nach uns) und die „offiziellen“ Stellen informiert.
Nachdem alles abgesegnet war, war mein Geburtstag wirklich absolut perfekt, daran konnten auch 30 Fragebögen die in SPSS eingegeben werden mussten nichts mehr ändern.

Sonntag, 17. April 2011

13.04.2011 – 17.04.2011: CBTP 2

Nach nur vier Tagen ist die Zeit in den Dörfern schon vorbei. Sehr schade, weil es wirklich interessante Tage waren und wir eigentlich alle geglaubt hatten, dass diese Phase des CBTP länger dauern würde. Stattdessen sind zwei Wochen für die Datenauswertung eingeplant.
Jeden Morgen wurden wir von einem Bus in unsere Kebele gebracht, dabei auch Essen und Getränke für alle.
Fragebögen wurden verteilt und danach sind wir alle ausgeschwärmt. Ich musste mich selbstverständlich an jemanden dran hängen, weil meine paar Wörter Amharisch niemals für diesen monströsen, 9seitigen Fragebogen reichen würden.
Der weitere Ablauf erinnert etwas an ein Dasein als Vertreter. Man klopft an jede Tür und fragt nach Frauen in der passenden Altersgruppe.
Wir wurden von allen sehr freundlich begrüßt und uns wurde immer eine Sitzgelegenheit angeboten. Die Frauen haben auch immer geduldigst unsere 1000 Fragen beantwortet und das obwohl wir sie allzu oft von ihrer Arbeit abgehalten haben.
Bei der Beantwortung der Fragebögen konnte ich leider nicht allzuviel helfen, aber das war ja von vornherein klar. Umso interessanter fand ich es einen Einblick zu bekommen wie die Leute hier leben. Bosa Kito ist – glaube ich wenigstens – eine ziemlich bunt gemischt Kebele. Von vollkommen ungebildeten Tagelöhnern bis zum Ingenieur findet man hier alles. Und man kann schon beim Betreten der Wohnung sagen, ob es eine reiche oder eine arme Familie ist. Das kann man allein schon an der Anzahl der Möbelstücke sehen. Was jedes Haus und jede Wohnung gemeinsam haben, ist dass alles ordentlich aufgeräumt ist und immer versucht wird, es so heimelig wie möglich zu machen, auch wenn die Mittel noch so begrenzt sind.
Kaffeezeremonie
Auch die Gastfreundschaft und Offenheit der Leute hat mich beeindruckt. Ich würde bestimmt nicht zwei Fremde einfach so in meine Wohnung bitten und denen Kaffee und Essen anbieten und auch noch meine Zeit mit einer Befragung verschwenden lassen. Die Leute hier schon. Eine Frau (die hatte den süßesten Sohn!), hat sogar eine kleine Kaffeezeremonie für uns abgehalten.
Am dritten Tag waren wir statt im Dorf in einer Grundschule und haben dort die Kinder untersucht. Wir hatten ein bestimmtes Kollektiv aus jeder Altergruppe zu untersuchen und sollten die Kinder mehr oder weniger von Kopf bis Fuß untersuchen. Es war sehr spannend zu sehen wie eine Schule in Äthiopien aussieht. Leider ist es auch schwer vorstellbar SO zur Schule gehen zu müssen. Klassen mit 30 – 50 Kindern sind die Norm, drei Kinder arbeiten an einem Tischchen und mehr als eine Tafel im Raum gibt es nicht.
Auch die Untersuchungsbedingungen fand ich schwierig. Ich habe mich bei den höheren Klassen einteilen lassen, weil die Schüler dort schon Englisch lernen und ich so unabhängig meine Kinder untersuchen konnte. Diejenigen, die nicht untersucht wurden, hätten zwar Pause gehabt, sind aber in der Klasse geblieben, weil es ja so viel spannender ist uns zuzusehen. Ich habe mehrere Mädchen untersucht, die um die 14 Jahre alt waren und die vor einer solchen Meute so zu untersuchen, dass es ihnen nicht peinlich ist, war praktisch unmöglich. Ich finde es auch so schon nicht einfach, ein Mädchen in dem Alter zu untersuchen, selbst wenn man optimale Untersuchungsbedingungen hat, aber so, war das absolut unmöglich.
Hier haben wir beim Wäsche Waschen gestört
Auch die Genauigkeit der Untersuchung hat dadurch natürlich gelitten. Teilweise hatte ich so eine Meute um mich herumstehen, dass ich mich kaum bewegen konnte (wegschicken war wirkungslos), geschweige denn vernünftig auskultieren. Und als „the ferengi doctor“ war ich auch noch die Attraktion des Tages und durfte einmal die Klasse erst verlassen nachdem ich noch 3 Kinder extra untersucht hatte. Alles in allem ein wirklich schöner und interessanter Tag!
So viel zur positiven Seite, nun zur negativen.
Nur die wenigsten der Studenten nehmen ihre Aufgabe ernst. Vielfach hängen meine Mitstreiter nach ein oder zwei Stunden Arbeit nur noch im Schatten rum und machen nichts. Auch mein „Partner“ lässt bestimmte Fragen einfach geflissentlich aus oder füllt nach nur wenigen Worten Gespräch zwei Seiten im Fragebogen aus und nachdem die Fragen sehr unterschiedlich sind, ist es auch nicht möglich, dass die Fragen in dieser kurzen Zeit beantwortet wurden.
Natürlich verstehe ich, dass es für die eine Menge extra Arbeit ist und auch dass die paar Notenpunkte die man für das Projekt bekommt nicht wahnsinnig viel Arbeit wert sind. Auch ist es verständlich, dass man gerade auf sowas direkt nach der Prüfungsphase keine Lust hat. Trotzdem finde ich, sollte man bei einem solch wichtigem Projekt wenigstens versuchen ordentlich zu arbeiten, auch wenn die äthiopische Art generell etwas gemütlicher und weniger genau ist als die deutsche.
Ich muss zugeben, dieses Verhalten finde ich ziemlich enttäuschend und was ich aus den anderen Gruppen so vernommen habe ist es da nicht anders. Auch deshalb bin ich momentan sehr zwiegespalten was das ganze Programm betrifft.
Ein paar Kinder in der Schule. Meine Kamera war eine sehr spannende Sache

Dienstag, 12. April 2011

11.04. - 12.04.2011: Das CBTP 1

CBTP ist kurz für Community Based Training Programm und der eigentliche Grund weshalb ich nach Äthiopien gekommen bin. Es ist ein Markenzeichen der Jimma University. Das Programm sieht vor, dass die Studenten Fragebögen zu bestimmten Themen erstellen und dann in Gruppen in verschiedene Dörfer fahren, um die Bevölkerung zu befragen, die Informationen auszuwerten und in einem Abschlusssymposium vorzustellen. Wir 6 Studenten der LMU werden jeweils einer Gruppe von Studenten zugeteilt und arbeiten mit ihnen im Team.
Ich wurde der Kebele Bosa Kito in Jimma zugeteilt. Anfangs war ich etwas enttäuscht, weil ich mir erhofft hatte noch ein wenig mehr von der Gegend um Jimma sehen zu können, aber man kann nicht alles haben.
Die ersten 2 Tage sind für die Erstellung der Fragebögen vorgesehen. Allerdings ist Erstellung übertrieben, weil es eigentlich Wochen dauert einen Fragebogen zu konzipieren und zu testen. Die Studenten wissen das und auch, dass die Fragebögen schon vorbereitet und kopiert im CBTP-Büro liegen. Daher sind die ersten zwei Tage auch so richtig unproduktiv abgelaufen. Bis auf zwei einstündige Treffen, hatten wir eigentlich nichts zu tun.
Ziele dieser CBTP-Phase sind:
  • Daten über die Gesundheit der Frauen im Alter von 15 - 49
  • Daten zum Impfstatus der <2järhigen und
  • Daten über den Gesundheitsstatus von Schulkindern
zu sammeln.

Soweit ich meine Gruppe bisher kennengelernt habe, scheinen alle recht nett zu sein, auch wenn manche etwas faul wirken und andere mit etwas zu nahe kommen wollen...
Die Zusammensetzung ist wirklich ungewohnt: 19 Männer 4 Frauen.

Soviel dazu, morgen geht es ins Dorf.

Sonntag, 10. April 2011

10.04.11: Spontantrip Tag 4: Auf nach Hause!

Ich kann gar nicht beschreiben, wie schrecklich ich mich nach der Nacht in der „Halleluja Pension“ fühle. Ich habe die halbe Nacht kein Auge zugetan, weil ich ständig Angst hatte, dass mir gleich eine Kakerlake oder etwas anderes ekliges in den Mund krabbeln könnte. Und dieses Bad...! Ich möchte gerade einfach nur in einer Wanne voll Sterilium baden! Dieses Loch, heißt bestimmt nur deshalb „Halleluja Pension“ weil man „Halleluja“ ruft wenn man es verlässt. Ich bin ja auch nicht wahnsinnig verwöhnt, nachdem ich ziemlich viel in Jugendherbergen übernachtet habe. Kaltes Wasser und mittelprächtig bis schlechte Sauberkeit in den Zimmer und teilweise seltsames Klientel ist alles kein Problem, aber das??? Keinesfalls empfehlenswert! Wenn ihr jemandem diesen Tipp gebt, dann ist das ein Beweis dafür, dass ihr diese Person nicht mögt!
Wie auch immer, ich war auf jeden Fall erleichtert das Dreckloch verlassen zu haben und nie, nie, nieeeeeeeee wieder einen Fuß hineinsetzen zu müssen.
Was kann ich euch über die Rückfahrt sonst noch so berichten, was ich nicht schon erzählt habe? Wegen des CBTP-Beginns mussten wir zurück nach Jimma fahren und konnten nicht die Alternativroute Addis – Jimma (kürzer, bessere Straße, etwas billiger) nehmen.
Ansonsten, war die Straße bescheiden bis mittelprächtig, wie am ersten Tag auch und wir haben es tatsächlich geschafft Panne Nummer 5 zu verbuchen.
Die Fahrt an sich war wirklich sehr anstrengend, weil es 8 Stunden über schlechte Straßen ging. Bei unseren Zwischenstopps wurden wir – wie üblich von Kindern umzingelt, die entweder „Foto, Foto“ oder „Highland, Highland, Highlaaaaand“ haben wollten.
Weiters ist bemerkenswert, dass wir vor Sonnenuntergang in Jimma angekommen sind! Wir machen Fortschritte. Nach einem Abschiedsessen mit unserem Guide und unserem Fahrer, und dem Versprechen eines Wiedersehens in Addis, waren wir alle sowas von reif für die Dusche. Endlich ein sauberes Bad (egal, dass das Wasser die Temperatur von Schmelzwasser hatte) und eine Dusche. Ich glaube ich war in meinem ganzen Leben noch nicht so unfassbar dreckig und eine halbe Stunde unter eiskaltem Wasser hat auch noch nie so gut getan.

Mein Fazit: Ich bin kaputt, mir tut jeder Knochen und jeder Muskel meines Körpers weh und ich bin dreckig. Ich bin in 4 Tagen knappe 2000 km über beschissenste Straßen gefahren, wir hatten 5 Autopannen und ich habe im schlimmsten „Hotel“ meines Lebens übernachtet.
ABER: ich habe einen wunderschönen und großen Teil Äthiopiens gesehen, war bei den Mursi, von denen niemand weiß, wie lange sie ihre Kultur aufrecht erhalten können und habe Dinge erlebt, die ich sonst niemals erlebt hätte. Ich finde das war die 200 € die der Spaß gekostet hat auf jeden Fall wert. Es waren wirklich anstrengende 4 Tage und ich bin viel im Auto gesessen. Ich denke, hätte man 6 – 8 Tage Zeit gehabt, wäre der Trip noch schöner und entspannter gewesen, aber auch schoin so hat es sich absolut gelohnt.
Hiermit noch ein großes Dankeschön an Andrea, die alles organisiert hat und mich (und die anderen 2) mitgenommen hat.

Samstag, 9. April 2011

09.04.11: Spontantrip Tag 3 – Bei den Mursi

Es ist schwer zu glauben, aber nach dem unglaublichen Gewitter letzte Nacht, scheint jetzt tatsächlich die Sonne, als wäre nichts gewesen. Lediglich der Matsch beweist, dass es geregnet hat.
Hoffentlich ist letzterer kein Problem für unseren ramponierten Jeep. Nicht dass wir noch eine Panne haben...
Um halb 8 ging es los in den Nationalpark und in Richtung Mursi. Ich hatte ja leichte Bedenken, dass die Straßen im Park nach den Gewitter gesperrt sein könnten (jede andere Panne hatten wir ja schon mitgenommen, warum nicht auch diese?) doch zum Glück war alles in Ordnung. Es ging relativ steil bergab über die verschlammten Straßen, aber unser Jeep mit Allradantrieb meisterte jede Hürde mit Bravour.
Nach dem Checkpoint für den Nationalpark ging es immer weiter in die Tiefen des Nationalparks. Auf dem Weg zu den Mursi begegneten uns viele Tiere: TikTiks (eine Art Miniantilopen), bunt schillernde Vögel, unzählige Schmetterlinge und eine Schildkröte. Hätten wir mehr Zeit gehabt wären es sicherlich noch mehr gewesen.
Irgendwo mitten im Park, haben wir an einem Baum einen Mann mit Gewehr eingesammelt. Ein Scout, der uns zu den Mursi führen soll und für uns dolmetschen soll (die Mursi haben ihre eigene Sprache). Weiter ging also die Fahrt. Auf der weiteren Strecke sind wir auch an einigen der Mursi vorbei gefahren, die sich auch schon in die besten Posen warfen und riefen „5 Birr, 5 Birr, Foto, Foto!“Die wissen, warum wir da sind...
Nachdem wir an zwei leblos wirkenden Strohhüttensiedlungen vorbei gefahren sind, kamen wir endlich am Mursidorf an. Unser Guide gab uns eine kurze Einführung, wie wir uns verhalten sollen. Zum Beispiel erklärte er uns, dass wir für jedes Foto das wir machen bezahlen müssen und auch, dass die Mursi die Klicks der Kamera mitzählen. Außerdem warnte er uns auch vor dass die Mursi auch aggressiv werden können, weshalb auch der Scout dabei ist.
Ein paar Mursi Basics: sie sind ein kleines, traditionell lebendes Volk im Mago Nationalpark. Der Grund warum sie weltweit bekannt sind, ist die Praktik den Frauen die Unterlippe zu dehnen und Teller einzusetzen. Mit 15 Jahren beginnt man damit ein Loch in die Unterlippe zu stechen, welches durch das einsetzen immer größer werdender Teller innerhalb von 2 Jahren aufgedehnt wird. Außerdem verzieren Männer wie Frauen ihre Körper mit Narben und Bemalungen. Die Bekleidung besteht aus bunten Stoffen und Ziegenhaut.
Auch bei den Mursi gibt es das „Cattle Complex“ Phänomen. Das bedeutet, dass Rinder nicht zum Handeln und zur Ernährung der Familie da sind, sondern ein Statussymbol. Um eine Frau heiraten zu dürfen muss der Bräutigam beispielsweise 20 Rinder und eine Kalaschnikow an den Brautvater zahlen.
Interessanterweise haben selbst die Mursi mitbekommen, dass es AIDS gibt. Natürlich wissen sie nicht genau was das ist, aber es gibt die Regel, dass Geschlechtsverkehr mit Menschen außerhalb des Stammes verboten ist. Das ist wichtig, weil die Mursi-Frauen nämlich nach der Geburt eines Kindes 3 Jahre lang nicht mit ihren Ehemännern schlafen müssen. Dafür „darf“ der Mann „rumvögeln“, aber eben nur mit Mursi-Frauen.
Wie auch immer, back to topic.
Während unser Guide uns ein bisschen Hintergrundwissen über die Mursi vermittelt hat, versammelten sich immer mehr Mursi um uns. Als Kalkidan seine Ausführungen beendet hatte, kam eine seltsam angespannte Stimmung auf. Es hatte ein bisschen was von dieser Ruhe vor eine Schlacht beginnt. Dann galt es sich auszusuchen, wen man fotografieren möchte. Ich kam mir vor wie auf dem Rindermarkt, gerade so als würde ich mir das schönste Tier zum schlachten aussuchen. Irgendwie widerlich, aber wenn man ein Foto möchte, muss man das Spiel mitspielen.
Zuerst habe ich einen jungen Mursi-Mann fotografiert, mit diversen Ziernarben, dann habe ich eine Frau mit Kind fotografiert. Schon ist man 20 ETB ärmer. Die wissen was sie verlangen müssen. Vor allem wissen sie aber einen zu bedrängen. Ich wollte ein Bild von einer jungen Frau haben und plötzlich war ich von mindestens 20 Mursi umlagert. Intimabstand. Was ist das? Interssiert die sowas von überhaupt nicht! Ich hatte ein Top, das mit Perlen bestickt ist, an und das hätten die mir fast vom Leib gerissen. Ich hatte plötzlich einfach mal 5 Paar Hände auf meinem Busen, die andere hat versucht meine Perlen an so einem Bändchen von meinem Top abzumontieren, während 3 weitere meine Frisur (ich hatte noch meine Cornrows) inspiziert haben. Ich stand dazwischen und konnte mich absolut nicht bewegen. Schrecklich, ich habe mich noch nie so bedrängt gefühlt: Gleichzeitig habe ich mich aber auch nicht getraut aus dieser Menschentraube auszubrechen, weil ich überhaupt nicht abschätzen konnte, wie die Mursi reagieren würden. Schlussendlich hat der Scout mich dann gerettet und sie „verscheucht“.
Die anderen hatten in der Zwischenzeit fleißig Fotos gemacht. Ich habe es gerade noch so hinbekommen, eine Gruppe von Frauen zu fotografieren und zu bezahlen, als wir versuchten uns loszureißen. Das war wirklich nicht einfach, die Mursi wollten uns nämlich partout nicht gehen lassen. Es war ein richtiger Kampf bis wir am Auto waren. Man versuchte ständig uns noch zum Fotografieren zu bewegen und zwar auf die aggressive Art.
Es war auch bizarr, wie die Mursi in ihren traditionellen Kleidern, mit ihren Waffen und Tellerlippen durch die Gegend liefen und dabei Bündel von Geld in der Hand hielten (und zwar nur schöne 1 Birr Scheine, hässliche nehmen sie nämlich nicht!). Endlich am Auto angekommen (hatte ich erwähnt, dass wir 10 Minuten für 10 Meter gebraucht haben?), mussten wir noch einen „Obermursi“ bezahlen. Immerhin nochmal 100 ETB pro Person. Erst dann konnten wir uns ins Auto retten, was aber nicht bedeutet hat, dass die Mursi von uns abgelassen hätten. Immer mehr umzingelten unser Auto, klopften gegen die Scheiben und sind auch nicht aus dem Weg gegangen. Unser Fahrer musste den Motor aufheulen lassen und hupen, damit sie endlich Platz machten und wir den Rückweg antreten konnten.
Nach dieser Szene war mir aber auch klar, warum der Scout sein Gewehr dabei hatte. Wenn sich allein beim Verlassen des Stamms solche Szenen abspielen, dann kann ich mir wirklich gut vorstellen, wie schnell die Stimmung in wirkliche Aggression umschlagen kann, wenn sich jemand falsch verhält. Und dann sind da ja noch die Kalaschnikows...
Trotzdem war es ein wahrhaft faszinierendes Erlebnis, bei den Mursi gewesen zu sein. Ich bin aber auch zwigespalten, ob es eine gute Sache ist, dass wir als Touristen diesen Stamm besuchen. Einerseits ist es spannend die Mursi zu erleben und sie zu sehen, andererseits frage ich mich inwiefern wir diese Menschen beeinflussen und vielleicht auch ihre Kultur kaputt machen. Vor 20 Jahren ist noch keiner mit einer Kalaschnikow durch die Gegend gelaufen und sie konnten in Ruhe ihrem Alltag nachgehen, heute sind sie eine Touristenattraktion und werden wie im Zoo begafft. Ob man das wirklich unterstützen sollte? Oder ist es so, dass wenn ich nicht dahin fahre, dann fährt halt ein anderer hin? Ich weiß es nicht und ich bin weiterhin unentschlossen, wie ich darüber denken soll. Einerseits bin ich froh das erlebt zu haben und die Mursi gesehen zu haben, gerade auch weil man nicht weiß wie lange sie noch so leben werden, andererseits habe ich auch ein schlechtes Gewissen, ob es wirklich richtig war, wie so viele andere vor mir hinzufahren und damit vielleicht auch den Untergang dieser Kultur zu fördern.
Was gibt es über den heutigen Tag sonst noch so zu berichten? Nach einer Panne im Nationalpark (Platten, linkes Rückrad), einem Stau (Baggerarbeiten im Nationalpark) und einem Mittagessen (der beste Avocadosalat ever!), ging es schon auf die Rückreise. Unser Ziel des Tages: Arba Minch.
Die Rückfahrt war bis auf eine weitere Panne unspektakulär und gemütlich. Wir hatten genug Zeit für die Fahrt, das Wetter war gut und ein bisschen Zeit für kleine Fotostopps hatten wir auch. Was will man mehr?
Wir waren auch richtig gut in der Zeit bis wir irgendwo zwischen Konso und Arba Minch auf Kühe gestoßen sind. Wir sind bestimmt eine gute dreiviertel Stunde lang hinter Kühen her und an Kühen vorbeigefahren sein. Das waren auch riesengroße Herden, die da auf der Straße lang getrieben wurden. Ich glaube ich habe in meinem ganzen Leben noch nicht so viele Kühe gesehen!
Aufgrund dessen sind wir jedenfalls doch erst nach Einbruch der Dunkelheit in Arba Minch angekommen. Dummerweise war aus unerfindlichen Gründen heute die komplette Stadt ausgebucht. Es waren nur noch in einer Pension Zimmer zu bekommen und uns war sehr schnell klar warum...
Ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass das der widerlichste Ort ist, an dem ich je geschlafen habe. Es stinkt, es ist dreckig, es gibt kein Licht im Bad und die Moskitonetze scheinen zu leben. Was hier an Getier so rumkrabbelt... übel... und die Flecken auf der Matratze... urgh...
Ich hoffe inständig dass es sehr schnell morgen früh ist!